Das Ölgemälde Schwälmer Tischgebet erzählt die Geschichte einer Familie

Ein Mahl aus einer Schüssel

Alltagsszene: Das Gemälde Schwälmer Tischgebet des Malers Rudolf Otto ist reich an christlicher Symbolik. Der Ziegenhainer Bernd Völker erwarb es in Freiburg. Erstmals ist es jetzt in der Schwalm zu sehen. Repro: Grede

Schwalm. Wir nehmen als Betrachter Anteil an einer Szene häuslicher Frömmigkeit einer Schwälmer Bauernfamilie. Drei Generationen haben sich in ihrer Schwälmer Tracht zum Gebet um einen Tisch versammelt.

Die Großmutter (Eller) steht in ihrer schwarzen Alterstracht am linken Bildrand, neben ihr steht das Söhnchen im blauen Kittel, den Blick ehrfurchtsvoll auf seine betenden Hände gerichtet. Die Mutter wird im Vordergrund auf einer Holzbank sitzend in Rückenansicht gezeigt. Bei ihr ist nicht ganz eindeutig, ob sie die grüne Tracht der verheirateten Frau trägt, oder bereits schwarze Trauerkleidung. Ist vielleicht schon eines ihrer Kinder gestorben?

Die halbwüchsige Tochter bildet den Bildmittelpunkt und strahlt durch ihre rot-grüne Tracht der unverheirateten Mädchen und ihre roten Wangen die größte Lebensfreude aus. Noch sind ihre Züge durch keine Schicksalsschläge gezeichnet.

Ein Charakterkopf

Der Vater nimmt als Familienoberhaupt eine herausragende Stellung im Bild ein. Er wird im einfachen Arbeitskittel dargestellt und zeigt mit seinen markanten, scharf geschnittenen Gesichtszügen eine typische Schwälmer Physiognomie. Ein Charakterkopf.

Von allen Personen sehen wir einzig seine betenden Hände. In andachtsvoller Geste hat er sein Haupt gesenkt, die Augen fast geschlossen: “Komm Herr Jesus, sei unser Gast.“ Jesus ist hier ganz offensichtlich zu Gast, symbolisiert durch das Fensterkreuz, dessen senkrechter Balken direkt auf die betenden Hände zeigt.

Durch das Fenster strahlt helles Licht und beleuchtet die gesamte Szenerie: „Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln.“

Das Bild setzt uns zurück in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts, was man an der Haartracht des Vaters sieht, der sogenannten „Bulgaanck“, auch im berühmten Schwälmer Abendmahl von Carl Bantzer zu erkennen.

Darauf verweist auch die rote Tonschüssel mit dem gemeinsamen Mahl, aus der die ganze Familie mit Holzlöffeln aß, zum Beispiel Hirsebrei „Häschebrei“, eine wichtige Hauptspeise, schon vor der Einführung der Kartoffel.

Die Szene vermittelt Einkehr, Konzentration und familiären Zusammenhalt. Alles konzentriert sich auf das Wesentliche – das gemeinsame Gebet. Das Bild zeigt nichts Überflüssiges, alles ist an seinem Platz und hat seine der Tradition gemäße Bedeutung.

Atmosphäre der Andacht

Trotz der Atmosphäre der Andacht und konzentrierter Einkehr vermittelt das Bild eine innere Dramatik, die durch heftige Pinselstriche und komplementäre Farbkontraste hervorgerufen wird. Die Alltagsszene einer Schwälmer Familie vor mehr als hundert Jahren spiegelt trotz ihrer Kargheit und der Härte des Arbeitslebens den menschlichen, emotionalen Reichtum des bäuerlichen Zusammenlebens von mehreren Generationen wider.

Von Bernd Völker

Quelle: HNA

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