Vorsitzende über Vorteile und Vorurteile

Marianne Hühn von der Europa-Union Schwalm-Eder: „Wir verarmen ohne EU“

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Ihr Herz schlägt für Europa: Marianne Hühn, Vorsitzende der Europaunion Schwalm-Eder, räumt mit Ammenmärchen und Klischees auf.

Schwalm-Eder – Marianne Hühn ist die Vorsitzende der überparteilichen Europa-Union Schwalm-Eder und glühende Verfechterin des europäischen Gedankens. Wir sprachen mit ihr über Vorteile und Vorurteile in Sachen EU.

Derzeit ist sie mit ihrem Mann Roland Hühn zusammen auf großer Europawahl-Werbetour.

Sie setzen sich gerade sehr dafür ein, dass die Menschen ihr Wahlrecht zum Europaparlament wahrnehmen, warum ist Ihnen das so wichtig?

Weil die Bürger mit ihrer Wahl mitbestimmen über die Zukunft eines geeinten, friedlichen, sozialen und demokratischen Europas. Wir wollen alle Demokraten motivieren, nicht den friedensgefährdenden nationalistischen Populisten zu folgen.

Wie kamen Sie persönlich zur Europa-Union, also in die gezielte Arbeit für den europäischen Gedanken?

Ich bin schon als vielreisende Studentin sehr neugierig auf andere Kulturen gewesen und liebe es, aufgeschlossen und nicht ideologisch zu diskutieren. Da ist die überparteiliche Europa-Union super geeignet mit breiten Facetten ihrer Mitglieder diverser Parteien.

Mit welchen Vorurteilen und Ammenmärchen wurden sie schon konfrontiert?

Europa schadet Deutschland, zurück zur D-Mark, Grenzen zu, Politiker sind korrupt, Parlamentarier denken nur an ihre Diäten – aber es waren wenige. Ich frage eher umgekehrt was ihnen wichtig an Europa ist und dokumentiere es.

Was kann überhaupt ein Europa-Abgeordneter für seine Region tun?

Je nach Region muss er/sie das Ohr am Bürger haben und dafür eintreten, dass sich Lebenslagen breit verbessern und ländliche Regionen besser erschlossen werden. Firmen und Behörden sollten Abteilungen aufs Land verlegen, wo es sich viel besser leben lässt, das spart Verkehr und Energie und ist Klimaschutz.

Marianne Hühn macht Werbung für ein geeintes Europa. Mit dem Europa-Truck ist sie bei über 30 Terminen bis zur Europawahl vertreten. Hier spricht sie vor Interessierten in Treysa.

Gibt es die viel zitierten Überreglementierungen wie den Krümmungsgrad der Gurke nicht?

Nein, den gibt es nicht: Das waren die Nationalstaaten auf Wunsch des Handels, um mehr in den Karton zu bekommen. Die EU macht wenig neue Gesetze, eher die Mitgliedsstaaten. Die EU muss für Außenpolitik, Sicherheitspolitik, Steuerpolitik sowie Umwelt- und Energiepolitik die Rahmenbedingungen vorgeben. Und Rahmen schaffen, zum Beispiel, dass jeder ein Recht auf Ausbildung hat.

Was sagen Sie etwa zu einer Vorschrift wie der, dass Kaffeemaschinen sich künftig nach 30 Minuten abschalten müssen?

Finde ich gut, genau wie einheitliche Handyanschlüsse, keine Roaminggebühren und insgesamt Energieeinsparung.

Was würden Sie einem Briten sagen, der für den Brexit ist?

Nur gemeinsam ist man stark in einer Welt der starken Staaten, Europa ist winzig im Vergleich zur ganzen Welt. Die Zeiten des britischen Imperialismus sind vorbei.

Manche fordern jetzt den Dexit, was sind das für Leute und wie kann man sie von Europa überzeugen?

Deutschland ist ein kleines Land im Vergleich zur Welt und kann sich nicht von der unabwendbaren Globalisierung abschotten und alles zurückführen. Und es ist ein Exportland. 50 Prozent der Arbeitsplätze hängen daran, wir würden verarmen. Außerdem: Ohne EU gäbe es keine Wiedervereinigung.

Böse Zungen behaupten, die EU wolle unseren kulinarischen Schätzen wie der Ahlen Wurscht an den Kragen, stimmt das?

Die EU kann schwer die regionalen Besonderheiten erkennen. Hier sind die Abgeordneten gefragt und Ländervertretungen, aber auch Lobbyisten wie Wirtschaftsverbände oder auch die Europa-Union, darüber zu informieren und sich für Ausnahmeregeln einzusetzen.

Könnte Deutschland nicht viel Geld sparen, wenn es den ärmeren Ländern kein Geld geben müsste?

Deutschlands Wirtschaft, auch Banken, verdienen viel an ärmeren EU-Ländern. Wenn man dies einrechnet, auch beim BIP (Bruttoinlandsprodukt), kommt über Einkommen und Steuern mehr in Deutschland an.

Bitte vervollständigen Sie diesen Satz: Ohne ein geeintes Europa....

... hätten wir keinen Frieden, keine Reisefreizügigkeit, keinen wirtschaftliche Schutz vor anderen Wirtschaftsmächten, die Gefährdung unseres wirtschaftlichen und sozialen Wohlstands, keine Sicherheit vor anderen Großmächten und vor Despoten mit deren imperialistischem Streben – und kein vereintes Deutschland.

Zur Person

Marianne Hühn (67), geboren in Herne, wohnt seit über 30 Jahren in Oberaula, wo sie auf dem Anwesen Aumühle mit vielen Tieren lebt. Zuvor war sie als Rechtsanwältin in Frankfurt tätig. 1992 wechselte sie ins Rechtsamt des Schwalm-Eder-Kreises und war ab 1996 als Justiziarin im Landkreis Hersfeld-Rotenburg, ab 2007 Leiterin der Kommunalaufsicht und Vergabestelle. 

Seit 2001 engagiert sie sich in der Gemeindevertretung als SPD-Mitglied, seit 2011 als Vorsitzende der Verbandsversammlung Südlicher Knüll. Von 2009 bis 2014 war sie Stellvertreterin der SPD-Europaabgeordneten Barbara Weiler. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder.

Quelle: HNA

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