Melsungen: Atomkraftgegner erinnerten an Tschernobyl

Trommelnd und singend durch Melsungen: Atomkraftgegner zogen nach dem Treffen auf dem Marktplatz durch die Innenstadt.

Melsungen. Trotz Regen und Osterferien kamen am Dienstagabend 107 Atomkraftgegner in Melsungen vor dem Rathaus zusammen, um gemeinsam den schrecklichen Auswirkungen des Reaktorunfalls in Tschernobyl am 26. April 1986 zu gedenken.

Erinnert wurde laut Mitteilung der Initiative an die Fakten: Tschernobyl ist heute ein menschenleerer Landstrich mit 500 Geisterdörfern. Von den damaligen Helfern – es waren über 800 000 – ist jeder vierte bereits an den Strahlenfolgen gestorben. Von den Überlebenden sind heute 90 Prozent schwer krank. In der Umgebung ist die Zahl der Fehl- und Totgeburten stark gestiegen, und der Atomunfall hat Auswirkungen auf den Lebensraum von 600 Millionen Menschen in Europa.

Aber die persönlichen Erlebnisberichte gingen sowohl den Erzählern als auch den Zuhörern nahe. Es wurde still und jeder war auch ein Stück im eigenen Erleben, als Ingrid Schröder und Renate Mahler-Heckmann, heute beide 50, über ihre Ängste als Schwangere und ihre Nöte als junge Mütter berichteten. Auch die Väter erzählten über die erst geleugnete Unsicherheit.

Gabriele Linder berichtete, wie sie dachte „Jetzt ist es passiert.“ Sie lebte nur 15 Kilometer vom Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich am Rhein in der Nähe von Koblenz entfernt und hatte als Schülerin gegen den Bau des Kraftwerks Unterschriften gesammelt. Nun war das passiert, was eigentlich ausgeschlossen sein sollte.

Und, wie sich zeigte: Gerade die Männer verdrängten das Ausmaß dieser Katastrophe länger als die Frauen, die anfingen Essen und H-Milch zu bevorraten. Salat durfte nicht mehr gegessen werden.

Karl-Heinz Hesse hatte damals Schwierigkeiten, dem Vater zu erklären, wie schädlich das verstrahlte Gemüse aus dem Garten ist.

Nach einer Schweigeminute trat Rolf Werner als einziger Überlebender „Liquidator“ seiner Schicht auf und berichtete von den Aufräumarbeiten in Tschernobyl und der Auflage, selbst mit den Familienangehörigen nicht darüber zu sprechen.

Zum Abschluss zogen die Demonstranten singend durch die Kasseler Straße, unterstützt von der Trommel von Heiner Möller aus Borken.

Eines sei allen Teilnehmern klar, berichtet Renate Mahler-Heckmann: „Diesmal lassen sie nicht locker, sie wollen weiter auf die Straße gehen, bis weltweit alle Atomreaktoren abgeschaltet sind.“

Bereits am Ostermontag hatten 48 Melsunger an einer Demonstration gegen Atomkraft in Grohnde teilgenommen. (red)

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare