Melsunger Musikantengilde führte Bachs Johannespassion auf

Große Musik in der Stadtkirche: Im Vordergrund das Göttinger Barockorchester, dahinter die Melsunger Musikantengilde. Foto: Bläsing

Melsungen. Es muss die Leipziger zutiefst aufgewühlt haben, als am Karfreitag 1724 Johann Sebastian Bachs Johannespassion erstmals erklang. Spannungsreich mit einem Gefüge aus pochenden Basstönen, kreisenden Streicherfiguren und schmerzlichen Dissonanzen der Holzbläser hebt das Werk an.

Gerade die Dramatik spitzte Eva Gerlach bei der Aufführung der Johannespassion in der mit 500 Besuchern gefüllten Stadtkirche Melsungen zu.

Die temperamentvolle Kantorin ließ durchpulst und akzentuiert musizieren. Bei den so genannten Turbae-Chören (Turba = Schar, Volkshaufen) gab die Melsunger Musikantengilde wohl alles. Viel Spannkraft hatte etwa der Chorsatz „Lasset uns den nicht zerteilen“ der um den Rock des Gekreuzigten würfelnden Kriegsknechte.

Auch die in den Evangelienbericht eingefügten Choräle wurden recht schnell dargeboten, denn es war Gerlachs Bestreben, den rhythmischen Puls nicht allzu stark zu drosseln. Dabei gab es durchdachte Details.

Mit großer Besetzung sang die Musikantengilde „Wer hat dich so geschlagen“, worauf die Antwort in der zweiten Choralstrophe mit nur wenigen Stimmen erfolgte. Das verlangte von den Sängern einigen Mut, versinnbildlichte aber die theologische Aussage: „Ich, ich und meine Sünden“.

Was in Kassel nicht selbstverständlich ist, verwirklichte man in Melsungen: Der Instrumentalpart wurde in historischer Aufführungspraxis realisiert, und zwar vom vorzüglichen Göttinger Barockorchester um den Geiger Henning Vater. Die Qualität des Originalklangs, der die Musik beweglicher und rauer erscheinen lässt, bewährte sich.

Schneidender als mit modernen Instrumenten wirkten Bachs kühne Dissonanzen. Verlässlich übernahm der Melsunger Bezirkskantor Christian Fraatz die Ausführung des Orgelcontinuo.

Zur Dramatik trug Robert Buckland (Den Haag) in der Partie des Evangelisten und den Tenorarien entscheidend bei. Geradezu beklemmend war sein Bericht von der Geißelung des Heilands.

Auch das restliche Ensemble war versiert besetzt – mit Mechthild Seitz, (Alt; München), Thomas Wiegand (Christus-Worte; Melsungen), Mathias Nenner (Bass; Stuttgart) sowie der ungarischen Sopranistin Zsuzsi Tóth. Letztere ist eine mit leuchtender Stimme ausgestattete Alte-Musik-Spezialistin, die man unter anderem auf dem mit dem Echo-Klassik ausgezeichneten Album „Teatro d’Amore“ des Ensembles L’Arpeggiata hören kann.

Nach dem Schlusschoral ertönte die Totenglocke in der Stadtkirche, erst danach setzte minutenlanger Beifall ein.

Quelle: HNA

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