Angehende Ärzte lernen an Leichnam 

Für die Wissenschaft: Melsunger spendet seinen Körper nach dem Tod 

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Info: Jeder, der sich für eine Körperspende interessiert, bekommt Unterlagen zugeschickt.

Melsungen. Ludwig S. spendet nach seinem Tod seinen Körper der Wissenschaft. Schon vor 15 Jahren traf der 70-jährige Melsunger diese Entscheidung. Gedanken über den Tod habe er sich schon immer gemacht. 

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie der Philipps-Universität Marburg erhält den Leichnam – für Zwecke der medizinischen Ausbildung und Forschung.

Den Namen des Melsungers, der unerkannt bleiben möchte, haben wir geändert. Mit seinem Tod will er etwas Gutes bewirken. „Ich habe überlegt, wie ich der Gesellschaft helfen kann“, blickt er auf seine Entscheidung zurück. Von der Möglichkeit der Körperspende habe er von einem Bekannten erfahren.

Nach einem Gespräch mit Ärzten der Klinik habe er sich schnell entschieden, seinen Körper zu spenden. Der Gedanke, dass angehende Ärzte nach seinem Tod an ihm lernen können, habe dem 70-Jährigen direkt zugesagt. Geld dafür bekommt er nicht. „Das wäre für mich aber auch gar nicht ausschlaggebend gewesen“, sagt er.

Also trägt Ludwig S. seit 15 Jahren rund um die Uhr einen Körperspendeausweis der Marburger Universitätsklinik bei sich. Wenn er stirbt, wird der Melsunger mit diesem als Körperspender identifiziert. Außerdem sind die Angehörigen angehalten, den Ärzten im Krankenhaus im Todesfall Auskunft über den Wunsch des Verstorbenen zu geben. 

Denn der Leichnam von Ludwig S. wird nach dem Tod in die Uniklinik nach Marburg transportiert. Dazu beauftragt die Philipps-Universität ein Bestattungsunternehmen, das Verstorbene abholt – Kosten für die willentlichen Spender entstehen dabei nicht, erklärt Jens Cordes vom Institut für Anatomie und Zellbiologie der Philipps-Universität.

Ludwig S: „Ich habe einen eigenen Blick auf das Leben"

Von Gott und vom Glauben hat der 70-Jährige, der vor Jahren aus der Kirche ausgetreten ist, eine klare Vorstellung. „Gott will, dass alle in den Himmel kommen“, sagt er. Im Gespräch mit ihm wird deutlich, dass er sich Gedanken, auch im Hinblick auf das Leben nach dem Tod, macht.

Sein Körper werde für medizinische Zwecke verwendet, doch seine Seele könne sich darüber erfreuen, dass angehende Ärzte von ihm lernen könnten. Wichtige Entscheidungen zu treffen, das sei Ludwig S. in seinem Leben nie schwergefallen. „Ich habe einen eigenen Blick auf das Leben“, gibt sich der 70-Jährige nachdenklich.

In seinem Bekannten- und Freundeskreis geht er offen mit dem Thema um. Seine beiden Kinder, 40 und 37 Jahre alt, akzeptierten seine Entscheidung, sagt Ludwig S. Seinen Kindern überlasse er die Entscheidung darüber, ob eine kirchliche Beisetzung mit Pfarrer stattfinden soll. Auf einem reservierten Urnenbereich des Marburger Friedhofs werden Menschen wie der Melsunger, die ihre Körper der Klinik zu medizinischen Zwecken zur Verfügung stellen, beigesetzt – „mit schönem Blick auf die Lahn“, ergänzt der 70-Jährige.

Körperspende: 2500 Spender in Marburger Klinik-Kartei: 

Derzeit sind in der Kartei der Körperspende der Philipps-Universität in Marburg etwa 2500 willentliche Spender festgehalten, sagt Jan Cordes vom Institut Anatomie und Zellbiologie der Universität. Jährlich würden etwa 200 bis 300 Menschen aufgenommen, die ihren Körper für medizinische Zwecke zur Verfügung stellen möchten. 

„Wir haben momentan keine Probleme mit der Nachfrage“, sagt Cordes. Der Zuständige macht immer Phasen aus, in denen der Zulauf besonders hoch sei. Erklären kann er das nicht. „Möglicherweise ist das auf Zeitungs- oder Fernsehberichte zurückzuführen“, sagt Cordes.

Quelle: HNA

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