Leben im Frauenkloster

Die Merxhäuser Nonnen konnten gut mit Geld und Besitz umgehen

Waltraud R. Schmidt

Merxhausen. Sie hießen Werntrud von Züschen, Adelheid von Venne oder Lutgarde, Tochter des Ritters Wackermaul. Im Merxhäuser Kopialbuch sind die Namen der Augustinerinnen festgehalten oder sie stehen in den vielen Urkunden, die über Leben und Handeln der Merxhäuser Nonnen Auskunft geben.

Jahrhunderte lang hatten die frommen Frauen enormen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben, die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen rund um Merxhausen bis hin nach Kassel und Fritzlar. Dennoch ist über ihren Alltag hinter den Klostermauern und ihre Vorstellungswelt wenig bekannt: Forscher und Historiker waren in der Vergangenheit mehr an den Männern - Mönche, Fürsten, Grafen, Ritter, Bürgermeister - interessiert.

Da Frauenklöster weitgehend im Schatten der Männerklöster existierten, waren bisher auch nur wenige Urkunden, die Auskünfte über die Merxhäuser Augustinerinnen geben können, übersetzt und analysiert. Die Bad Emstaler Theologin Waldtraud Regina Schmidt fand also bei der Recherche für ihr Buch „Vom Augustinerinnenkloster zum Hohen Hospital Merxhausen“ (wir berichteten) ein weites Feld unbekannter Dokumente.

Schmidt stellte bei ihren mehrere Jahre dauernden Recherchen fest, dass die Merxhäuser Nonnen trotz aller Frömmigkeit und des abgeschotteten Lebens im Kloster keineswegs weltfremd waren. Trotz ihres Armutsgelübdes schlossen einzelne Nonnen Kaufverträge ab, besaßen Land oder hatten verbriefte Ansprüche auf Sachleistungen und Dienste von Bauern, Ansprüche auf Zinsen, Pachtgeld, Renten. 

Dies war, so fand Schmidt heraus, für die Merxhäuser Augustinerinnen nichts Verbotenes und macht das Besondere des Klosters aus. „Es gehörte wohl zum spezifischen Profil der Merxhäuser Chorfrauen, über Besitz an Grund und Boden und über eigenes Geld verfügen zu können und zu dürfen“, so Schmidt.

Haupteinnahmequelle der Augustinerinnen, wenn man ihr Klosterleben nicht nur als Berufung, sondern auch als Beruf definiert, waren die Gebete für die Seelen der Verstorbenen, für die sie von Verwandten entlohnt wurden.

Manchmal waren dabei religiöse Vorstellungen und weltliche Wünsche eng miteinander verwoben, wie eine Schenkungsurkunde von 1273 zeigt. Hermann von Gudensberg hatte Heinrich von Blumenstein erschlagen und war vom Gericht dafür als Sühne zu einer Wallfahrt verurteilt worden, die dem Seelenheil des Getöteten zugute kommen sollte. 

Die Pilgerreise war mit großen Gefahren verbunden, die der Totschläger nicht auf sich nehmen wollte. Stattdessen vermachte er mit Zustimmung seines Bruders und seiner Miterben „eine Hufe Land“ an das Kloster Merxhausen, wo zwei Schwestern des erschlagenen Blumensteins lebten.

Und auch das Geld, das er für die Pilgerreise hätte ausgeben müssen, spendete er dem Konvent. Als Gegenleistung - all dies ist juristisch verbindlich festgehalten - erwartete der Mann von den Klosterfrauen Gebete für die Seele des Getöteten: Die Nonnen übernahmen gegen Bezahlung die Sühneleistung des Totschlägers.

Von Cornelia Lehmann

Quelle: HNA

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