Pogromnacht

Naumburg: Ausschreitungen begannen mit Verspätung

Naumburg. Zwei Tage nach dem Judenpogrom im Deutschen Reich kam es zu Ausschreitungen in Naumburg. Der Mitbegründer des Naumburger Geschichtsvereins, Dr. Volker Knöppel, hat die Ereignisse rekonstruiert.

Nach Knöppels Recherchen hatten sich am 11. November 1938 SA-Mitglieder aus Naumburg und auch von außerhalb am Nachmittag und Abend in einem örtlichen Wirtshaus versammelt. Eingeweihten Naumburgern, so Knöppel, war bekannt, dass an diesem Abend der Pogrom nun in Naumburg nachgeholt werden sollte. Als der stellvertretende Brandmeister an diesem Abend gegen 23 Uhr die Übungsstunde des Gesangvereins verließ, sagte ihm einer der Sänger: „Heute Nacht soll´s brennen.“

Zuerst wurde das Gebäude der Synagoge und Judenschule in der Graf-Volkwin-Straße gestürmt. Mit Axthieben wurden die hölzernen Säulen des zweistöckigen Anbaus, in dem sich der Betsaal befand, zerstört. Der Gebäudeteil stürzte ein und wurde noch in der Nacht komplett abgerissen.

Löschen verboten

Dann wurde in zwei Häusern Feuer gelegt. Das Haus Rosenstein am Roten Rain stand laut Volker Knöppel in dieser Nacht leer, die Familie war bereits abgeholt worden. Die Eingangstür wurde aufgebrochen, das Haus geplündert, das Hutlager des Händlers Rosenstein zerstört, Gegenstände aus dem Fenster geworfen. Bald loderten die Flammen.

Die Feuerwehr konzentrierte sich darauf, die Nachbarhäuser zu schützen. Dazu Volker Knöppel: „Während des Feuerwehreinsatzes forderte der Gendarm Scheel aus Elberberg die Feuerwehrleute auf, das Haus Rosenstein am Roten Rain nicht weiter zu löschen; widrigenfalls könne er sie abführen lassen.“

„Es war ein jämmerliches Bild.“

In der Unteren Straße wurde das Haus Blumenkron gestürmt. Man versuchte, den Dachboden des Hauses anzuzünden. Knöppel: „Der Brandschaden hielt sich jedoch in Grenzen, da das Feuer bald gelöscht wurde - vielleicht war dabei der Umstand bedeutend, dass das Haus kurz zuvor den Eigentümer gewechselt hat.“

Auch das Haus Wertheim im Alten Hagen sollte in dieser Nacht geplündert werden. Laut Knöppel wurde dies aber durch den neuen Hauseigentümer verhindert, indem er sich mit einer Axt in die Haustür stellte.

Ein Augenzeuge berichtete Knöppel, dass man am folgenden Tag nach Schulschluss durch die Stadt zog, um sich die Zerstörungen anzusehen. Wenn es so war, dass die jüdischen Häuser zum Zeitpunkt des Pogroms leer waren, dann so der Augenzeuge, „hat man die jüdischen Bewohner nur Stunden vorher aus den Häusern vertrieben.“

SA-Männer hielten Wache

Und weiter: „Irgendwann schnappten wir bei unserem Umherlaufen auf, dass die Juden im Steinbruch am Kuhberg sitzen würden. Wir sind durch die Gärten an der Elbe dann zum Kuhberg geschlichen und haben die dort zusammengetriebenen Menschen sitzen und liegen sehen. Es war ein jämmerliches Bild. Einige SA-Männer standen vor dieser Gruppe und hielten Wache oder stolzierten mit geschultertem Gewehr auf und ab.“

Insgesamt 28 Naumburger Juden sind in dem von Volker Knöppel und der Stadt Naumburg herausgegebenen Buch „...da war ich zu Hause“ aufgelistet, die in den Vernichtungslagern umgekommen sind.

Von Norbert Müller

Quelle: HNA

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