Mitfahrzentrale: Wer preiswert reisen will, steigt bei Fremden ein

Günstige Reisemöglichkeit: HNA-Praktikantin Johanna Bohl organisiert sich Mitfahrgelegenheiten übers Internet. Für unser Foto stieg sie bei HNA-Volontär Sebastian Lammel ins Auto. Foto:  Köcher

Trampen war gestern. Heute organisieren Leute Mitfahrgelegenheiten über das Internet. So wie die 20-jährige Johanna Bohl, die als HNA-Praktikantin arbeitet. Die Studentin besucht Freunde, die in ganz Deutschland verstreut sind. Nun berichtet sie über ihre ersten Erfahrungen im Auto fremder Fahrer.

Vollbepackt, ausgestattet mit Taschen voller Souvenirs und mal wieder zu spät, stehe ich vor meiner Fahrt nach Stuttgart am vereinbarten Treffpunkt auf dem Parkplatz vor dem Leipziger Bahnhof.

Wie bei einigen vorigen Fahrten, habe ich auch dieses Mal vergessen, die wichtigste aller Fragen zu stellen: Welches Automodell fährt mein Fahrer? Neben mir steht meine Freundin Theresa. Verzweifelt versuchen wir, unseren Fahrer Matthias auszumachen.

Therese beruhigt mich mit ihren eigenen Erfahrungen. „Als ich nach Berlin gefahren bin, hat unserer Fahrer für uns einen kilometerweiten Umweg auf sich genommen und über eine Stunde am Treffpunkt gewartet.“

Das klingt doch vielversprechend. Ich erzähle ihr von meiner ersten Fahrt, von Kirchheim nach Stuttgart. Nach einstündiger Wartezeit, und der obligatorischen SMS mit dem Autokennzeichen zur Beruhigung meiner Mutter, holte mich Sven in einem VW Lupo ab. Gen Süden ging es zu viert, mit Tempo 180 und Kinderliedern aus Svens Jugend, nach Stuttgart.

Diese Fahrt ist nicht mit meinem persönlichen Höhepunkt, der Fahrt nach Berlin, zu vergleichen: Auf die Minute pünktlich holte mich Martin am Wannsee ab und brachte mich als einzige Mitfahrerin in seinem neuen A3 sicher nach Stuttgart. Am Ende ist sogar noch eine Einladung zum Essen herausgesprungen.

Endlich klingelt mein Handy, Matthias ruft an. Er stehe direkt am Parkplatzeingang, mit einem türkisfarbenen Renault Kangoo. Da ich mich nicht für Autos interessiere, wusste ich nicht, was mir blühte. Zusammen mit zwei weiteren Fahrgästen, verstaue ich mein Gepäck im Kofferraum.

Auf dem ersten Teil der Strecke lernen wir uns kennen. Matthias ist 40, freier Künstler, und arbeitet eigentlich in Afghanistan. Robert ist als Journalist hier, Kathrin kommt aus Leipzig und arbeitet im Süden. Nach der Hälfte der Strecke lässt uns der Kangoo mit seinen 250 000 gefahrenen Kilometern im Stich. Wir haben einen Platten.

„Das kann ja noch spannend werden“, denke ich. Ohne zu ahnen, wie spannend. Matthias hat bisher nie einen Reifen gewechselt, und wo sich Wagenheber und Ersatzrad befinden, weiß er auch nicht. Also wird der ADAC gerufen, wir warten zwei Stunden, doch keiner kommt. Mitfahrer Robert telefoniert schließlich mit seinem Bruder und lässt ihn im Internet suchen, wo sich bei dem Autofabrikat das Ersatzrad befinden könnte. Mitfahrerin Kathrin, die sie sich als Tochter eines Mechanikers entpuppt, wechselt dann den Reifen. Es kann weitergehen.

Der Rest der Fahrt verläuft beinahe ereignislos. An Tauberbischofsheim, Heilbronn und Ludwigsburg fahren wir mit dem Ersatzrad nur noch mit Tempo 80 vorbei, zum Zeitvertreib raten wir Tiere.

20 Euro kostet uns die Fahrt noch. Zur Entschuldigung erlässt uns Matthias fünf Euro. Billiger und ereignisreicher als mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist es allemal.

Ich verabschiede mich nach sieben Stunden Fahrt und hoffe, dass der Renault durchhält und Matthias sein Ziel im Schwarzwald noch erreichen kann.

Hintergrund: 130.000 Menschen fahren täglich mit

Das Internetportal www.mitfahrgelegenheit.de ist Europas größte elektronische Mitfahrbörse. Seit mittlerweile zehn Jahren können Autofahrer hier ihre Fahrten registrieren, um Fahrer oder Mitfahrer zu finden. Mitfahrer geben an, wann sie von welchem Ort zu welchem anderen Ort fahren möchten, schreiben einen kurzen Text und geben ihre Kontaktdaten an - meist die Telefonnummer. Fahrer oder Mitfahrer können sich dann melden, um zum Beispiel den genauen Treffpunkt oder den Preis zu vereinbaren. Mittlerweile werden auch Gruppentickets für Bus und Bahn angeboten und geteilt. Täglich nutzen rund 130.000 Personen. (zgr/nh)

Quelle: HNA

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