Zu Gast: Thomas Will von an der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen

Bei Mord gibt es keine Verjährung

Thomas Will zu Gast in der Gedenkstätte und Museum Trutzhain November 2015 Foto Christiane Decker

Trutzhain. Begeisterte Krimileser und Tatortseher haben die Erkenntnis verinnerlicht: Desto früher bei einem Verbrechen die Ermittlungen beginnen, umso erfolgreicher sind sie. Für den leitenden Staatsanwalt und stellvertretende Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, Thomas Will, ist das nicht möglich. Die Verbrechen mit denen er sich befasst liegen über 70 Jahre zurück.

Während in den Krimis Kommissare nachts aus den Betten springen und pausenlos ermitteln, oft mit Unterstützung eines Staatsanwaltes, liegt der Hauptteil der Ermittlungen Wills im Studium von Akten. Dennoch gilt für auch für ihn: Mord verjährt nicht.

„Ich finde immer noch etwas Neues“

Thomas Will

Dies stand auch im Mittelpunkt des Vortrags unter dem Titel „Warum jetzt noch?“ den Will, der sich seit zwölf Jahren Vorermittlungen von nationalsozialistischer Verbrechen widmet, in der Gedenkstätte und Museum Trutzhain hielt. „Ich finde immer noch etwas Neues“, sagte Will, der aus Ludwigsburg angereist war. Aktuell beschäftigt sich der Jurist mit Urteilen zu deutschen Kriegsgefangenen in der ehemaligen Sowjetunion. „Wir können erstmals Beutedokumente, wie Kriegstagebücher, in Moskau einsehen“, erzählte der Jurist. Ob die Unterlagen noch zu lebenden Tätern führten, wisse er noch nicht, aber bereits in der kommenden Woche reise er wieder nach Russland.

Schrank der Schande

Überraschungen ist Will von seiner Arbeit gewohnt. Er begann 1993 für die Zentrale Stelle zu arbeiten, nachdem er vorher 13 Jahre als Amtsrichter in Dessau Recht gesprochen hatte. 1994 fanden sich im Archiv der Militärstaatsanwaltschaft in Rom verschollen geglaubte Dokumente über Kriegsverbrechen deutscher und italienischer Soldaten. „Als Schrank der Schande ging dieser Archivfund in die Geschichtsschreibung ein.“

Mehrere Jahre beschäftigte sich der Jurist, der fließend italienisch spricht, mit den Akten. Leider hätten seine Vorermittlungen am Ende nur zu sehr wenigen Gerichtsverfahren geführt, zeigte sich Thomas Will enttäuscht.

Nach Trutzhain brachte Will eine Vorermittlungsakte zum Stalag IX A Ziegenhain mit. „Hier waren vor allem ältere Soldaten eingesetzt. Es gab Vorermittlungen von uns, aber viele Täter lebten nicht mehr.“

Wie es mit seiner Dienststelle weitergehe, wenn die letzten Täter gestorben seien, wisse er noch nicht, sagte Will. „Die im Jahr 1927 geborenen Männer waren die letzten, die als Soldaten aktiv am Krieg teilnahmen“, so Will, „auch wenn manche 100 Jahre alt werden, ist ein Ende absehbar.“ Er habe sich damals für die Arbeit entschieden, weil der Krieg in seiner Familie immer präsent gewesen sei. Zwei Brüder seiner Mutter seien als Soldaten gestorben. „So ein Trauma prägt auch die nachfolgende Generation.“

Die zentrale Botschaft seiner Dienststelle sei, dass niemand für sein Anderssein verfolgt werden dürfe. Ob dies nun als Ermittlungsbehörde oder aber später vielleicht als Dokumentationsarchiv geschehe, sei für diese Botschaft zweitrangig, so der Jurist.

Von Christiane Decker

Quelle: HNA

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