Am schnellsten wachsende Video-Social-Media-Plattform

Riskanter Spaß mit App Musical.ly: Warum Mädchen sich beim Tanzen filmen  

+
Musical.ly-Stars: Lisa und Lena auf dem Kleinen Schloßplatz in Stuttgart.

In der App Musical.ly posten viele junge Mädchen Videos, in denen sie leicht bekleidet zu Musik tanzen und lippensynchron mitsingen. Der Gefahren sind sie sich oft nicht bewusst.

Wie populär ist Musical.ly?

Logo Musical.ly

Die App Musical.ly ist eine Video-Plattform, die den meisten Erwachsenen nichts sagen dürfte. Unter Jugendlichen ist sie allerdings weit verbreitet. Bereits 8,5 Millionen deutsche Nutzer hätten sich bis Anfang 2017 registriert, so die Marketingchefin von Musical.ly Verena Papik in einemInterview mit dem Onlinemagazin Gründerszene. Ein rasantes Wachstum, bedenkt man, dass die von den Chinesen Alex Zhu und Louis Yang entwickelte App erst 2014 an den Start ging. Im November 2017 wechselte sie dann den Besitzer. Der Medienkonzern Beijing Bytedance Technology kaufte Musical.ly für eine Summe zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Dollar. Weltweit hat die App mittlerweile über 200 Millionen Nutzer.

Die erfolgreichsten Stars der Plattform kommen aus Deutschland: Die 15-jährigen Zwillinge Lisa und Lena aus Stuttgart erreichen mit ihren Videos mittlerweile über 28 Millionen Follower.

So funktioniert Musical.ly

Die "Muser", wie sich die Nutzer selbst bezeichnen, können selbstgedrehte, maximal 15 Sekunden lange Videos hochladen, in denen sie zu Musik tanzen und mitsingen. Dabei eifern die meist jugendlichen Nutzer ihren Idolen nach, indem sie möglichst kreative Choreografien aufbieten, die dann mit dem passenden Song unterlegt werden. Mittels Zeitraffer, Zeitlupen, Stop Motion und Filtern bearbeiten sie die Kurzclips anschließend. Die so entstandenen Videos können in der App veröffentlicht und auf den eigenen Social-Media-Profilen, beispielsweise bei Instagram und Facebook, geteilt werden. Andere Nutzer können ihren Lieblings-"Musern" folgen, ihre Videos liken und kommentieren. Über die Live-Streaming-Funktion Live.li lassen sich außerdem Videochats abhalten, in denen die Stars der Plattform ihren Fans beispielsweise Fragen beantworten können. 

Um sich anzumelden, reicht die Angabe einer E-Mail-Adresse aus. Eine Altersabfrage soll garantieren, dass nur über 13-Jährige die App verwenden, das wird aber nicht überprüft. Unter 18-Jährige müssen zusätzlich noch einen Haken bei der Einverständniserklärung der Eltern setzen. Wer die App mit den Standardeinstellungen benutzt, lädt alle seine Videos öffentlich hoch. Im privaten Modus kann man selbst entscheiden, wer sich die Clips ansehen kann, große Aufmerksamkeit lässt sich hier allerdings nicht generieren. 

Nackte Haut garantiert Aufmerksamkeit

17 von 100 Mädchen in Deutschland nutzen die App mehrmals pro Woche, ergab eine Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs) aus dem Jahr 2017, in der 1200 Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren zu ihrem Mediennutzungsverhalten befragt wurden. Besonders beliebt ist die App bei den Jüngsten der Befragten: Jeder Fünfte der 12- bis 13-Jährigen gab an, Musical.ly regelmäßig zu benutzen. 

Dabei sind sich viele offenbar nicht der Gefahren bewusst, die das öffentliche Posten der Videos mit sich bringt. Die App ist genau auf das Nutzungsverhalten junger Mädchen abgestimmt. Logo und Startbildschirm sind Pink, alles dreht sich ums Sehen und Gesehen werden. 

Um den Stars aus der Musikindustrie nachzueifern, um Bestätigung zu erhalten und Aufmerksamkeit zu erlangen, präsentieren sich viele Jugendliche sehr freizügig in ihren Clips. Unter Hashtags wie #bikini oder #bellydanc (der Hashtag #bellydance, englisch für Bauchtanz, wurde mittlerweile von Musical.ly blockiert) fänden sich zehntausende Videos von Mädchen, die knapp bekleidet aufreizend tanzen, schreibt das Onlinemagazin Mobilsicher.de. Mobilsicher.de wird vom gemeinnützigen Verein iRights e.V. betrieben und vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz gefördert. Das Magazin spricht von einer "unheimlichen Parallelwelt", in der Nutzer mit Namen wie „Wickedluver69“ oder „mhberlindauergeilxxl“ die Mädchen in den Kommentaren dazu auffordern, bestimmte Dinge zu tun oder mehr Videos zu posten. 

"System sexueller Ausnutzung"

Als Anreiz diene oft auch das Angebot, die Videos zu "featuren", also auf einem eigens dafür angelegten Themen-Profil hochzuladen, was den Videos mehr Klicks  verschaffen soll. Dazu muss die Nutzerin ihr Video allerdings per Direktnachricht an den "Sammler" schicken, womit sie im Zweifelsfall nicht mehr die Möglichkeit hat, ihr Video aus dem Netzwerk zu löschen. 

Manche Nutzer verwenden die App ausschließlich zum Anschauen und Sammeln von Videos auf Profilen mit Namen wie "daddys_girlz" oder „hotbellydancinggirls“. Über die Kommentarfunktion versuchen manche auch den direkten Kontakt zu den Jugendlichen über andere Messengerdienste herzustellen. Junge Mädchen lernen so schnell, dass gerade das Zeigen nackter Haut ihnen Aufmerksamkeit bei Musical.ly garantiert. 

Mobilsicher.de kommt zu dem Fazit, dass das System der Anreizstrukturen und "Feature"-Möglichkeiten der App nach "strukturierter sexueller Ausnutzung und Nötigung" aussieht.

Das sagt Musical.ly zu den Vorwürfen

In einer am 24. April veröffentlichten Stellungnahme äußerte sich eine Musical.ly-Sprecherin auf Anfrage von Mobilsicher.de zu dem Missbrauch der App: "Musical.ly verfügt über eine Vielzahl an Schutzmaßnahmen und Rund-um-die-Uhr-Moderation, um die Möglichkeiten einer missbräuchlichen Nutzung der App zu reduzieren", so die Sprecherin. Leider seien diese Schutzmaßnahmen nicht immer tadellos und die verwiesenen Beispiele von Missbrauch spiegelten weder die für Musical.ly typischen Inhalte oder Nutzungsmuster wieder, noch reflektieren sie, wofür Musical.ly Social-Entertainment-App stehe. Trotzdem sollen Schutzmaßnahmen weiter ausgebaut werden. Laut der Sprecherin gelte es, dieses Problem als Industrie zu lösen.  

Tipps, wie man sich bei Musical.ly, WhatsApp, Instagram und Snapchat vor sexuellen Übergriffen schützen kann, finden Sie hier.

Von Maik Zeisberg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.