Der Gitarrist Tilman Steitz entführte in südamerikanische Klangwelten

Musik mal rau, mal zärtlich

+
Virtuos: Der Gitarrist Tilman Steitz gastierte in der Kirche in Lenderscheid.

Lenderscheid. Bereits beim Eintreten in die kleine evangelische Kirche in Lenderscheid wurde der Zuhörer am Freitagabend von einer wohligen Wärme empfangen. Und so legte man für eine gute Stunde seinen Mantel beiseite, bewunderte den Strauß gelber Sonnenblumen auf dem Altar, kam innerlich zur Ruhe und ließ sich bereitwillig von Tilman Steitz und seiner Konzertgitarre in den Bann ziehen.

Aus Frankfurt brachte er die „Guitarra Argentina“ mit - ein südamerikanisches Konzertprogramm mit Tangos, Milongas, Chacareras und Zambas.

Steitz begeisterte mit einer brillant herausgearbeiteten Zweischichtigkeit von Melodie- und Begleitstimme und versetzte sein Publikum durch lyrische Kantilenen, gepaart mit südamerikanischer Vitalität, immer wieder in Staunen.

Er konfrontierte das Publikum aber auch mit außergewöhnlichen Klängen, wenn er plötzlich einen hohen, fiependen Ton ins Kirchenschiff entsandte oder er die konventionellen Zupfstellen verließ und seine Finger neue Wege entlang des Gitarrenhalses erkundeten. Die Fingerkuppen der linken Hand emanzipierten sich und fingen an zu schwingen - was brauchten sie noch die Zupfhand dazu? Dann war da ein kratziger, fast schon aggressiver Sound, wenn der Künstler mit seiner kompletten Handfläche die Saiten schlug oder die Gitarrendecke mit heißen Rhythmen bei dem Folkloretanz „Chacarera“ in eine Bon-go verwandelte. „Nicht wundern, das ist in Argentinien so“, erklärte Steitz seine Gitarreneinlagen.

Er führte seine Gäste aber auch in die Slums mit „El Choclo“ (Maiskolben), das mit seiner eingängigen Melodie von einer besseren Welt und gefüllten Kochtöpfen träumt. Oder er zeichnete mit Piazzollas „Milonga del Ángel“ den traurigen Weg eines Engels nach, der leichtfüßig vom Himmel herabschwebt, um den Menschen in ihrem Alltag zu helfen, dann aber in einer Messerstecherei sein Leben lässt.

Wer hätte gewusst, dass der Tango-Komponist Julio Sagreras 1905 in Buenos Aires seine eigene „Academia de Guitarra“ gründete oder es in Argentinien sogar ein „Ministerium für gitarristische Angelegenheiten“ gab - vielleicht sollte man das unseren Politikern auch einmal vorschlagen?

Von Dorothea Grebe

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare