Mit dem Tod muss man leben - Sich trauen, anders zu trauern

Schwalm-Eder. Wegen seiner Totengedenktage gilt der November als der klassische Trauermonat. Autorin Silvia Rössler setzt sich für einen leichteren Umgang mit einem schweren Gefühl ein. Wir sprachen mit ihr über Trauer, Tränen und die Frage, wie man mit Verlusten leben kann.

Die Friedhofs- und die Trauerkultur wandelt sich: Die aus Wabern stammende Autorin Silvia Rössler fordert dazu auf, alte Rituale zu überdenken - und sich zu trauen, anders zu trauern. Ein Gespräch über Tabus.

Sie haben wirklich Mut: Sie ermuntern Ihrem Buch die Leser dazu, sich auf die eigene Beerdigung vorzubereiten. 

Silvia Rössler

Silvia Rössler: Warum ist das mutig? Wir bereiten uns doch im Leben auf alle möglichen Dinge und Ereignisse vor. Auf unsere Hochzeit, auf die Geburt der Kinder, auf Prüfungen und Geburtstage, sogar auf die Rente. Wirklich auf alles in unserem Leben - außer auf unsere Beerdigung.

Das liegt vielleicht daran, dass es für einen selbst keine so schöne Veranstaltung ist.... 

Rössler: Das liegt vor allem daran, dass das Thema Tod meist mit viel Angst besetzt ist. An dieser Haltung möchte ich rütteln. Natürlich ist es furchtbar, wenn man einen geliebten Menschen verliert. Der Verlust schmerzt schrecklich, oft stirbt man selbst ein Stück mit. Deshalb soll und darf man weinen, schluchzen, klagen. Aber mit der Zeit sollte man zurück ins Leben und zum Lachen kehren.

Lachen hat aber in unserer Trauerkultur keinen Platz. 

Rössler: Sicher, es gibt Zeiten und Krisen, in dem einem das Lachen gründlich vergeht. Aber es braucht dennoch seinen Platz. Lachen ist eine Zuwendung hin zum Leben. Es hilft dabei, überhaupt weiter leben und gehen zu können. Lachen nimmt die Schwere aus der Trauer, erlaubt für ein paar Momente, den Verlust besser zu tragen. Es lässt Licht in die Dunkelheit.

Viele Trauernde empfinden es als Verrat, wenn sie trotz ihres Verlustes zulassen würden, dass sie lachen. 

Rössler: Das ist ein unsinniges Märchen. Was hat ein Moment der Heiterkeit mit der Tiefe des Schmerzes zu tun? Nur weil man über eine Situation, einen Witz, eine Geschichte lacht, bedeutet das doch nicht, dass man den Verstorbenen vergessen hat. Denn Trauer ist nichts anderes als Liebe. Aber es muss nicht nur nach dem Tod eines Angehörigen weitergehen, es darf weitergehen. Diese Sichtweise möchte ich gerne vermitteln. Auch wenn die Trauer immer erstmal traurig bleibt.

So wie der Besuch am Grab traurig ist? 

Rössler: Natürlich ist der Friedhofsgang mit Schmerz, Angst oder Befangenheit verbunden. Aber wenn ich heute das Grab meiner Mutter besuche, dann stehe ich nicht immer dort und weine, sondern ich erzähle ihr eine Geschichte, singe ein Lied, freue mich an Erinnerungen - und kann beim Gedanken an manche Geschichte heute auch gut lachen.

Und ich kann mir gut vorstellen, wie die Leute dann gucken. 

Rössler: Ein Friedhof sollte nicht nur ein Ort der Stille sein. Ein Friedhof kann auch ein kreativer und inspirierender Ort mitten im Leben sein.

Ein hoher Anspruch. 

Rössler: Es ist eine Frage der inneren Haltung, der Akzeptanz, wie wir das sehen. Wir sind alle solche Individualisten, jeder macht sich um so viele Dinge wie Kleidung oder Möbel so viele Gedanken - aber nur selten um die eigene Beerdigung oder Grabgestaltung. Man fällt aber nicht das eigene Todesurteil, wenn man das tut: Im Gegenteil, es zeigt, dass man den Tod als Teil des eigenen Lebens akzeptiert hat. Und das löst Angst auf und gibt Freiheit.

Mal ehrlich: Wissen Sie denn schon, was auf Ihrem Grabstein stehen soll? 

Rössler: Ich habe mir tatsächlich darüber Gedanken gemacht. Ich möchte, dass da „Lächele, und verweile“ steht. Denn wenn ich das auf einem Grabstein lesen würde, würde ich lächeln und verweilen. Und diesen Friedhof als eine wunderbare Inspiration dafür sehen, dem Tod mit noch mehr Akzeptanz und dem Leben mit noch mehr Respekt zu begegnen.

Zur Person

Silvia Rössler (56) stammt aus Wabern, lebt in einer Beziehung und hat eine 16-jährige Tochter. Die Physio-Akupunkt-Therapeutin und Lachyoga-Trainerin hat eine eigene Praxis in Bielefeld. Im vorigen Jahr begleitete sie ihre Mutter über knapp zwei Wochen bei deren Sterbeprozess in einem Homberger Altenpflegeheim. Diese Erfahrung gab den Impuls zu ihrem Buch. In ihren Seminaren und Vorträgen setzt sie sich für eine heitere und heilere Lebenshaltung ein, die dazu beitragen soll, Krisen, Krankheiten und Verluste besser zu bewältigen.

Quelle: HNA

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