Zwei Freiwillige im Armenviertel von Santiago: Cola, Bip-Karten und keine Heizung

Nachts helfen Wollsocken

Berichtet aus Chile: Justin Ford. Foto:  Archiv

Santiago/Fritzlar. Der erste Schritt ist geschafft: Die beiden Nordhessen Justin Ford und Jana Goebel haben ihr Ziel auf der Südhalbkugel erreicht. „Ich atme einmal tief durch, als ich diese Zeilen schreibe, denn seit dem Tag meiner Ankunft haben ich und meine Mitfreiwilligen alle Hände voll zu tun“, schreibt der 19-jährige Justin in einer ersten Mail aus der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile.

Inzwischen haben Justin und Jana mit Hilfe eines sehr netten Pastors ihr Domizil gefunden, wurden dort prompt von der Alarmanlage begrüßt. „Wir wussten nicht, was uns mehr überraschte: Die Alarmanlage und ihr lautstarkes Geheul oder die Tatsache, dass es überhaupt eine solche Vorrichtung gibt“, schreibt der Fritzlarer.

Das „kleine Häuschen“ war dann doch etwas größer als erwartet. Vorerst leben sieben Leute dort, sie teilen sich Küche, Wohnzimmer, zwei Bäder, zwei Einzel-, sowie ein Doppelzimmer. Aber man ahnt es schon: Heizung oder isolierte Wände existieren nicht. Zumindest nicht in den schlechter betuchten Vierteln von Santiago de Chile.

„Dementsprechend wärmen wir uns gegen Abend per Gasflasche und mobiler Miniheizung“, schreibt Justin. Das gilt nur für das Wohnzimmer, in allen anderen Zimmern herrschen Gradzahlen am Rande der Außentemperatur, die jetzt, in der Winterzeit, schon mal am Nullpunkt kratzen.

Nachts heißt es daher: dicke Wollsocken überstreifen, Wärmflasche füllen und die Decke bis zum Kinn hochziehen, damit es dann zumindest im Bett kuschelig warm wird.

Beim ersten Einkauf im chilenischen Supermarkt wurde klar: Die Supermärkte sind nicht ansatzweise so gut sortiert und sauber wie in Deutschland.

Auffällig, so der Fritzlarer, sei die Tatsache, dass der Softdrink Coca-Cola überall in großen Flaschen spottbillig zu haben ist, man aber im Restaurant für ein Glas stilles Wasser viel Geld zahlen muss. Der Grund: Es muss teuer importiert werden.

„Wir wussten nicht, was uns mehr überraschte: Die Alarmanlage und ihr lautstarkes Geheul oder die Tatsache, dass es überhaupt eine solche Vorrichtung gibt.“

Justin Ford

Die Freiwilligen, die in Santiago in verschiedenen Projekten arbeiten werden, lernten zunächst alltägliche Dinge wie Metro, Bus und Bahn fahren oder Geld abheben. Wichtig für alle: die „BIP“-Karte. Warum sie so heißt? Weil es „bip“ macht, wenn man sie an den Schalter des Drehkreuzes hält. So einfach ist das manchmal. Eine chilenische Feinheit ist, so erkannte es der Nordhesse, die Art der Kommunikation, die man als Ausländer lernen muss.

„Smalltalk“ ist entscheidend: Wer etwas vor einem anderen will, der begrüßt zunächst, fragt nach dem werten Befinden, unterhält sich noch kurz über die neuesten Vorfälle und kommt dann (fast zufällig!) auf das eigentliche Thema zu sprechen. Ganz so, als sei einem das so nebenbei eingefallen. Obwohl die Konversation eigentlich nur das zum Ziel hatte. Eigentlich ganz angenehm, dieser Umweg. „Immer diese deutsche, stringente Art“, das muss nicht sein!

Momentan arbeiten die Freiwilligen noch nicht, sie besuchen einen zweiwöchigen Sprachkurs. Danach geht es in die Projekte und es wird noch viele Male Gelegenheit geben, ein erstauntes „Wow“ zu sagen oder zu denken.

Quelle: HNA

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