Ruhiger Job oder Zitterpartie? So arbeitet die Tankstellen-Spätschicht

Zigaretten und Ahle Worscht: Nicht jeder, der nachts zur Tankstelle fährt, braucht Sprit. Kleine Produkte, die den Feierabend verschönern, sind eher gefragt. Im Bild: Nils Werner verkauft einem Kunden eine Schachtel Zigaretten. Fotos: Maier

Melsungen. Gelbes Licht strahlt von den Neonlampen, die im Viereck von der Decke hängen. Die Kühlschränke und Eistruhen brummen. In der Ecke neben dem Tresen schmoren zwei Bockwürste unter einer Glasglocke.

Darunter ist ein Gerät, das sie erwärmt und ständig knarzt. Ab und zu dringen Straßengeräusche durch die riesige Fensterfront, es rauschen Reifen auf nassem Asphalt. Draußen glitzern Regentropfen im roten und weißen Licht der Tankstellenbeleuchtung.

Es ist Freitagabend. Nils Werner hat Spätschicht an der Avia-Tankstelle in Melsungen. Bis 23 Uhr hütet er den Laden, verkauft Sprit, meistens aber Bier und Zigaretten, ab und an Ahle Worscht.

Zwei Überfälle hat es dort in den vergangenen Monaten gegeben. „Man macht sich schon Gedanken, was man macht, wenn jemand mit einem Messer kommt.“ Den Job an den Nagel hängen will der 19-Jährige dennoch nicht. „Es gibt nicht viele Alternativen, wenn man in Malsfeld lebt“, sagt er.

Zigaretten-Stammkunden

Nils Werner ist Schüler an der Radko-Stöckl-Schule und absolviert ein Jahrespraktikum bei einem Unternehmen. Der Job an der Tankstelle kommt erst an dritter Stelle. Er ist ein ruhiger Typ, dunkle Haare, blaue Jeans. James Dean schaut von seinem weißen T-Shirt auf die Kunden, falls er nicht vom karierten Hemd verdeckt wird. Seit eineinhalb Jahren macht er den Job, meistens abends und am Wochenende.

Heute ist kein Tag für betrunkene Jugendliche oder aufgetakeltes Partyvolk. Blaue Jeans, einfache dunkle Jacken, dunkle Schuhe: Die Kunden, die bei der Avia auf den letzten Drücker vorbeischauen, mögen es meist schlicht.

Rein, schnell bezahlen, und wieder raus ist der typische Ablauf. „Zwei rote R1 heute Abend“, will ein Mann mittleren Alters in Sportklamotten. „Nein, nein, heute nehme ich vier“, sagt ein anderer und steckt die Light-Zigaretten ein. Viele sind abendliche Stammkunden. Am Ende kommt immer eine nette Verabschiedung. Schönes Wochenende! „Ich muss morgen arbeiten“, sagt ein Kunde und lacht.

Die Minuten vergehen, die Tür bleibt zu. Die unzähligen Snacks bleiben heute meist in den Regalen. Nils bleibt einsamer Hüter des Ladens.

Nach dem zweiten Überfall ist er oft mit der Taschenlampe rausgegangen, um zu sehen, ob jemand dort herumschleicht. Jetzt schaut Nils lediglich ab und zu durchs Fenster.

„Radio haben wir ja auch noch“, sagt er und schaltet es ein. Aber es könne nur „Planet“ empfangen. „Und das geht mir extrem auf die Nerven.“ Nach zehn Sekunden ist es bereits ausgeschaltet. Wieder herrscht Ruhe, die Kühlschränke brummen, die Bockwurst-Glocke knarzt. „Es ist ungewöhnlich ruhig heute“, sagt Nils. Aber besser so, als Stress zu haben mit Betrunkenen. Oder mit Räubern.

Von Eugen Maier

Quelle: HNA

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