Nächtliche Nierenkolik: Schwalmstädter Klinik lehnte Behandlung ab

Hat kein Vertrauen mehr in die Notfall-Versorgung der örtlichen Klinik: Sigfried Groß aus Florshain hat schlechte Erfahrungen gemacht. Foto: Ludwig

Florshain/Ziegenhain. Siegfried Groß wollte einfach nur, dass der stechende Schmerz in der Nierengegend aufhört. Stattdessen wurde der Florshainer Berufsschullehrer mit einem Krankenwagen durch die Nacht kutschiert.

Grund dafür war, dass der Ziegenhainer Klinik eine sofortige Behandlung der Nierenkolik nicht möglich war. Die Ärzte seien mit einem Notfall beschäftigt gewesen, teilt die Klinik mit. Stattdessen verwies der Nachtdienst Groß in die gut 40 Kilometer entfernte Klinik nach Bad Wildungen.

Aus Sicht der Klinik war dies die richtige Entscheidung (siehe Stellungnahme der Klinik unten). Patient Groß (50) sieht dies anders. Er versteht nicht, wie ein großes Krankenhaus am Ort hilfesuchende Menschen abweisen kann. Dafür müsse genug Personal da sein. Man habe ihm auch nicht angeboten zu warten, bis der Notfall versorgt ist. 

Begonnen hatte alles auf dem Weg von der Schule nach Hause: Plötzlich schossen Schmerzen durch seine Nierengegend. Ein Urologe diagnostizierte einen Nierenstein und verschrieb Schmerzmittel. „Der Arzt wollte vor einer Operation abwarten, ob der Nierenstein ausschwemmt oder sich auflöst“, sagt Groß.

Zwei Tage lang schien der Plan aufzugehen. Dann wurde der Florshainer nachts um 2 Uhr unsanft geweckt. Schmerzen trieben ihn aus dem Bett. Er nahm Schmerzmittel bis zur Höchsdosis. Als nach einer Stunde keine Besserung eintrat, rief seine Lebensgefährtin einen Krankenwagen.

Auf einer Liege ging es in die Notfallaufnahme der Asklepios-Klinik. Dort angekommen, teilte die Nachtschwester den Sanitätern mit, dass ihr Patient nach Bad Wildungen gebracht werden müsse. Als Groß dies von den Sanitätern erfuhr, beschwerte er sich und lehnte ab. Er bat darum, ihn in die ebenfalls 40 Kilometer entfernte Klinik nach Lauterbach zu bringen, wo sein Urologe Belegbetten hat.

Wie in Schwalmstadt war auch in Lauterbach kein Urologe auf Station. Einen solchen Spezialisten hätte Groß zu dieser Uhrzeit (es war zudem Wochenende) aber auch gar nicht erwartet. Erwartet hätte er aber, dass ihm der diensthabende Arzt - wie in Lauterbach dann geschehen - bis zum nächsten Morgen die Schmerzen lindert. „Von einem Krankenhaus, das die Grundversorgung gewährleisten will, kann ich eine solche Erstversorgung verlangen.“ Schließlich habe er keine seltene Krankheit gehabt, für die eine Spezialbehandlung notwendig gewesen wäre.

Inzwischen geht es dem Florshainer wieder gut. Am Tag nach der Einlieferung in Lauterbach kam der Urologe zur Visite und tags drauf war der Nierenstein entfernt.

Der Ärger über die nächtliche Odyssee wirkt aber noch nach: In die notärztliche Versorgung in der Region hat Groß kein Vertrauen mehr. Eine Erstversorgung müsse von der Ziegenhainer Klinik zu jeder Zeit gewährleistet sein. (bal)

Stellungnahme: Das sagt Asklepios-Regionalgeschäftsführer Dr. Fellermann zur verweigerten Aufnahme

Wir konfrontierten den Asklepios-Regionalgeschäftsführer Dr. Dirk Fellermann mit dem Fall und erhielten folgende schriftliche Antworten.

Das Asklepios Klinikum Schwalmstadt ist ein Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung. Warum ist dort eine Behandlung von Nierenkoliken nicht zu jeder Zeit möglich?

Dr. Dirk Fellmermann: Diese Behandlung ist grundsätzlich möglich. Die Kapazitäten sind nach dem Hessischen Krankenhausrahmenplan ausgelegt. Jährlich werden über 9000 stationäre Patienten behandelt und es finden zudem 45 000 ambulante Patientenkontakte statt. Fast 10 000 dieser Gesamtbehandlungen sind medizinische Notfälle.

Nach Auskunft des Sozialministeriums dürfen Kliniken, die mit der Notfallversorgung beauftragt sind, nicht ohne triftigen Grund Patienten die Aufnahme verweigern. Warum ist es in dem Fall doch geschehen?

Dr. Fellermann: Es lag in der Tat ein triftiger Grund vor. Das Notfall-Team war zu diesem Zeitpunkt im Schockraum der Klinik mit der Behandlung und Versorgung eines schwerverletzten Patienten (Schädel-Hirntrauma) beschäftigt. Die Sanitäter, die Herrn Groß [...] in die Klinik brachten, wurden umgehend informiert, dass die Behandlung des ersten, schwerer verletzten, Patienten noch einige Zeit in Anspruch nehmen werde. Angesichts der Vorgeschichte von Herrn Groß war die Weiterfahrt nach Bad Wildungen aus medizinischer und zeitlicher Sicht das Beste, da dort eine urologische Spezialabteilung vorgehalten wird. Trotz der Fahrtzeit wäre Herr Groß dort schneller in Behandlung gekommen als in Schwalmstadt.

Man muss wissen: Herr Groß war bereits zwei Tage zuvor mit dieser Symptomatik in einem Nachbarkrankenhaus behandelt worden. Seitdem hatte er sich selbst mit Schmerzmitteln behandelt. Weder die Dosierung noch weitere mögliche Risikofaktoren beim Patienten waren in Schwalmstadt bekannt. Deshalb schien es ratsam, eine weitere Medikation gegen die Schmerzen erst dann einzuleiten, wenn der Patient unter klinischer Betreuung steht. Herr Groß lehnte die Fahrt nach Bad Wildungen ab und ließ sich stattdessen in ein weiter entferntes Krankenhaus in den südlichen Vogelsbergkreis transportieren.

• Anmerkung der Redaktion: Bad Wildungen und Lauterbach sind von Ziegenhain gleich weit entfernt.

Nach Aussage der Nachtschwester hat sich der Patient ausfallend gegenüber ihr geäußert, nachdem er erfahren hatte, dass er nicht in Ziegenhain bleiben kann. Wie tat er dies?

Dr. Fellermann: Beim Verlassen der Ambulanz beschimpfte der Patient das Personal nach Zeugenaussage einer Notfall-Schwester mit den Worten “Scheiß Weißkittel, ich beschwere mich über euch!“.

• Anmerkung der Red: Siegfried Groß bestreitet diese Darstellung vehement. Er habe sich zwar beschwert, sei aber zu keiner Zeit ausfallend geworden. (bal)

Quelle: HNA

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