Pflegefachkräfte aus Bad Emstal berichten über Herausforderungen ihres Berufes

Nähe braucht Distanz

Gemeinsam den Alltag bewältigen, gemeinsam Zeit verbringen: Lena Tonn absolviert ihr Freiwilliges Soziales Jahr in der Einrichtung Wohnen und Pflege in Bad Emstal. Sie bastelt auch mit Bewohner Roland Kraus in dessen Hobbywerkstatt. Foto:  Skrzyszowski

Sand. Sie wollte schon als vierjähriges Mädchen Krankenschwester werden. Jeder Tag ist anders. Nach dem Schichtdienst ist ihr Kopf oft voll. Der Beruf, der Melinda Ginda schon immer fasziniert, ist zugleich eine Herausforderung – jeden Tag aufs Neue. Heute kümmert sich die 40-Jährige in der Einrichtung Wohnen und Pflege in Bad Emstal überwiegend um alte Menschen und psychisch Erkrankte. Sie hat noch eine Zusatzausbildung zur Praxisanleiterin für Pflegeberufe absolviert.

„Pflege ist heute mehr als füttern und waschen“, sagt Melinda Ginda. „Oft begleiten wir die Bewohner über Jahre. Wir sind ihre Familie“, sagt die erfahrene Pflegerin. „In Notfällen müssen wir Erste Hilfe leisten, wir müssen körperlich fit sein und ständig organisieren.“ Auch regelmäßige Gespräche mit Angehörigen und Ärzten gehören dazu.

Feste Bezugspersonen

„Es ist wie in einer großen Wohngemeinschaft“, sagt Pflegefachkraft Thorsten Reuhl und lacht. „Wir spielen, kochen, backen, nehmen uns Zeit.“ Schon als Zivildienstleistender hat er gemerkt: „Es gibt viele Pflegebedürftige. Und sie brauchen feste Bezugspersonen.“ Vor allem die Betreuung Demenzkranker und psychisch Erkrankter sei eine Herausforderung. „Es sind nun mal keine Kinder, sondern Erwachsene“, sagt der 39-Jährige. „Manchmal lässt sich daher schwer einschätzen, wie fit die 52- bis 90-jährigen Bewohner noch sind.“

Seit 1996 arbeiten die beiden in der Einrichtung in Bad Emstal. Melinda Ginda und Thorsten Reuhl kennen die Höhen und Tiefen des Pflegealltags. In ihrem Beruf liegen Lebensqualität und Tod nah beieinander. „Es gibt Momente, an denen man zu knabbern hat – wenn jemand plötzlich nicht mehr da ist“, sagt Reuhl. Mittlerweile wissen die beiden damit umzugehen: „Trotz aller Nähe, die wir zu den Bewohnern aufbauen, brauchen wir auch eine gewisse Distanz.“ „Man muss Privates und Berufliches trennen und darf belastende Erlebnisse nicht mit nach Hause nehmen“, sagt Thorsten Reuhl und seine Kollegin Melinda Ginda nickt ihm zu. Trotzdem machen sie ihren Job gerne.

„Sie geben viel zurück“

Denn es gibt auch Momente, in denen sie wissen, warum: „Es ist schön zu sehen, wie sich manche Bewohner im Laufe der Jahre entwickeln und wieder ins Leben finden. Sie geben uns viel zurück, sagt Melinda Ginda. „Es sind viele Aufgaben, die jeden Tag bewältigt werden müssen. Aber von außen oft nicht gesehen werden“, sagt Pflegefachkraft Thorsten Reuhl. Daher sei es vor allem schwierig Nachwuchs in der Altenpflege zu finden.

Lena Tonn jedoch ist von der Vielseitigkeit des Berufs fasziniert: Die 16-Jährige aus Naumburg absolviert ihr Freiwilliges Soziales Jahr in der Bad Emstaler Einrichtung. Sie will Altenpflegerin werden. Schon jetzt weiß sie: „Es ist die richtige Entscheidung.“

Von Nina Skrzyszowski

Quelle: HNA

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