Melsunger wollen Grünfläche nach Stöhr und Bauer benennen

Neuer Name für Platz am Lindenberg

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Platz an der Lindenbergstraße/Ecke Lindenbergallee: Der kleine Platz soll umbenannt werden. 

Melsungen. Die Stadtverordnetenversammlung in Melsungen fasste im Februar 2016 einstimmig den Beschluss, einen Platz nach Friedrich Stöhr und Fritz Bauer zu benennen.

Noch in diesem Herbst soll voraussichtlich die kleine Grünfläche an der Lindenbergstraße (direkt rechts nach der Bahnunterführung) nach den beiden benannt werden. Wir erklären, was es mit den beiden auf sich hat.

Der Metzgermeister Friedrich Stöhr schützte mit dem Schweinstreiber in der Hand eine jüdische Familie, in deren Haustür er stand, als die Nationalsozialisten am Abend des 8. November 1938 in der Reichspogromnacht wüteten.

Stöhr stand in der Tür und machte jedem klar, der in das Haus eindringen wollte, dass er das verhindern werde. So rettete er die jüdische Familie, denn das wagte kein Melsunger Nationalsozialist.

Der zweite Namensgeber, Fritz Bauer, ist kein Melsunger, aber ein Mann, der es durchaus wert ist, dass auch in Melsungen an ihn erinnert wird. Die Stadtverordneten möchten damit einen Mann ehren, der es schaffte, dass im Dezember 1963 in Frankfurt am Main der Auschwitz-Prozess beginnen konnte.

Damit erlangte die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in der Alt-Bundesrepublik erstmals eine wirklich öffentliche Dimension.

Der ehemalige hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer stand im März 1963 im Mittelpunkt der Gesamtkonferenzen des Kollegiums am Homberger Gymnasium, der damaligen August-Vilmar-Schule. Er hatte in einem Interview mit einem dänischen Journalisten erklärt, die deutschen Schulen seien das Autoritärste, das es in Deutschland gäbe. Die Kinder seien mehr oder weniger schlechten Lehrern ausgeliefert. Das wollte sich das Homberger Kollegium nicht bieten lassen. Es empfand diese Äußerung Bauers „als kollektive Diffamierung“.

Sie baten den Kultusminister um eine Stellungnahme. Es handele sich aber nicht um eine politische Auseinandersetzung des Falles Bauers, betonten sie.

Zu früh für Urteil

Der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl hatte dem Generalstaatsanwalt ein Jahr zuvor geraten, dass es noch zu früh für ein abschließendes Urteil gegenüber der Nationalsozialistischen Vergangenheit sei. Schulleiter Dr. Horst Clément sah das damals ganz anders. Er fürchtete, „dass mit der Bitte an den Minister Wasser auf die Mühlen derjenigen geleitet wird, die ihr parteipolitisches Kesseltreiben gegen den hessischen Generalstaatsanwalt veranstalten“.

Dr. Clément schlug daher einen Kompromiss vor, mit dem er seinem Kollegium und ihrem Einspruch, aber vor allem Fritz Bauer gerecht werden wollte: „Wenn Sie, Herrn Dr. Bauer veranlassen könnten, sich gelegentlich mit Vertretern der hessischen Lehrerschaft zu einem Gespräch zusammenzusetzen, an dem auch Mitglieder meines Kollegiums teilnehmen könnten, so wäre der Sache gedient und die Demarche der Homberger Studienräte hätte vielleicht doch einen Sinn gehabt.“ Nichtsdestotrotz spiegelte sich hier der Zeitgeist wider.

Gespaltenes Kollegium

Das Homberger Kollegium war gespalten. Es gab die demokratischen Kräfte, aber auch große Kontinuitätslinien in den Kollegien der Schulen. Nach 1945 setzten mehr als ein Drittel der Homberger Lehrer ihre pädagogische Laufbahn fort.

Ob es je zu dem Gespräch kam, ist unbekannt. Fritz Bauer starb am 1. Juli 1968, einige Denkmäler erinnern an ihn.

Quelle: Brief Dr. Clément an Hessischen Kultusminister, 28. März 1963, Konferenzbeschluss der Gesamtkonferenz der AVS vom 26. März 1963.

Von Thomas Schattner

Quelle: HNA

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