Neues Angebot für Abhängige: Melsunger Standort für Suchthilfe eröffnet

+
Sie gehen auf Suchtkranke zu: (von links) Ralf Bartholmai, Dr. Astrid Haan und Dr. Helmut Frömmel. 

Melsungen. Die Versorgung für Suchtkranke ist in ländlichen Gegenden häufig schlecht, sagt Ralf Bartholmai (Leiter der Drogenhilfe Nordhessen). In Melsungen ist das nun anders.

Bartholmai hat gemeinsam mit den Psychiatrie- und Psychotherapie-Fachärzten Dr. Helmut Frömmel und Dr. Astrid Haan einen neuen Weg eingeschlagen: Das 2016 gestartete SoS-Projekt (Sozialraumorientierte Suchthilfe) ist auf die Bedürfnisse von Suchtkranken im Schwalm-Eder-Kreis und im Kreis-Hersfeld-Rotenburg ausgerichtet. Das Melsunger Büro wird heute offiziell eingeweiht.

Was sind die Probleme der konventionellen Behandlung von Suchtkranken?

In der Regel gibt es eine standardmäßige Behandlungskette, erklärt Helmut Frömmel: 1. Entgiftung, 2. Beratung, 3. Therapie, 4. Nachsorge. „Schon beim zweiten Schritt fallen viele Patienten weg. Sie bekommen nach der Entgiftung einen Zettel mit Adressen von drei Beratungsstellen, tauchen dort aber nie auf.“ Häufig sei die Hemmschwelle der Patienten dafür zu groß.

Was ist im Gegensatz dazu das Konzept des SoS-Projektes?

Statt einer Kette wird hier ein „Blumenstrauß“ angeboten. Bei jedem Patient wird individuell entschieden, welche Bedürfnisse er hat. „Wenn ein Drogensüchtiger zum Beispiel kein Dach über dem Kopf hat, bringt es nichts, mit einer Psychotherapie anzufangen“, sagt Ralf Bartholmai. In solchen Fällen gehe es zunächst um die Grundbedürfnisse des Suchtkranken. Außerdem werden beim SoS-Projekt nicht nur Kontaktadressen vermittelt. Bartholmai: „Unsere Sozialberater begleiten den Patienten persönlich zu den ersten Terminen beim Suchttherapeuten, wenn das gewünscht ist.“

Warum haben es Suchtkranke in ländlichen Gebieten besonders schwer?

„Es gibt in Gegenden wie im Schwalm-Eder-Kreis weniger Angebote für Suchtkranke als in Großstädten. Und die Wege sind weiter“, erläutert Helmut Frömmel. Außerdem habe nicht jeder ein Auto und mit Bahn und Bus komme man auch nicht überall hin. Das schaffe zusätzliche Barrieren. „Deswegen fahren unsere Sozialarbeiter auch zu den Leuten nach Hause, wenn es nicht anders geht“, sagt Bartholmai.

Wer kann sich an das SoS-Projekt wenden?

Jeder. Egal ob man selbst Suchtprobleme hat oder ob ein Familienmitglied, ein Kollege oder ein Freund betroffen ist. „Dann kann man mit unseren Mitarbeitern besprechen, wie das Problem angegangen werden soll. Auch ein Arbeitgeber kann uns kontaktieren, wenn ein Angestellter ständig mit Alkoholfahne zur Arbeit kommt.“ Dann werde ein gemeinsames Gespräch vereinbart. Auch Hausärzte und Gesundheitsbeauftrage aus Betrieben sollen Suchtkranke an das Projekt vermitteln.

Wer profitiert von dem Projekt?

In erster Linie natürlich die Suchtkranken. Sie bekommen eine Betreuung, die in Hessen bislang einmalig ist. „Aber auch die Gesellschaft profitiert. Man könnte denken, dass wir für das Gesundheitssystem zusätzliche Kosten verursachen, weil wir Leuten zu einer Behandlung verhelfen, die bislang überhaupt nicht behandelt wurden“, sagt Bartholmai

Das sei aber zu kurz gedacht. Ein chronisch Süchtiger verursache für die Gesellschaft so viele Kosten, wie wenn er 180 Jahre alt würde.

Kontakt und Termine

Das SoS-Projektbüro des Schwalm-Eder-Kreises ist in der Fachklinik Böddiger Berg. Es ist telefonisch unter 05662/94800 zu erreichen. Über diese Nummer können Termine vereinbart werden – auch für das Melsunger Büro. Regelmäßige Öffnungszeiten gibt es hier nicht. 

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare