Neunter Bilderschwatz: „Kirchgang“ von Vincent Burek stand im Mittelpunkt

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Der Kunst auf der Spur: Markus Wagner-Breidenbach, Paul Dippel, Kati Werkmeister und Ulli Becker-Dippel (von links) plauderten am Donnerstagabend mit Gästen über das Thema Kirchgang.

Willingshausen. Über Kunst miteinander ins Gespräch kommen - in Willingshausen ist das beim Bilderschwatz möglich. Zum neunten Mal luden die Initiatoren am Donnerstag dazu ein. Im Mittelpunkt stand Vincent Bureks Werk „Kirchgang" aus dem Jahr 1954.

Ulli Becker-Dippel ordnete das Enstehungsjahr des Bildes zunächst im Zeitstrahl ein. Der 11. April 1954 ging als ereignisloseste Tag des 20. Jahrhunderts in die Geschichte ein. Theodor Heuss war Bundespräsident, die deutsche Mannschaft gewann „Im Wunder von Bern“ die Fußballweimeisterschaft. Theologische Gedanken zum Kirchgang erläuterte Pfarrer Markus Wagner-Breidenbach: Während es im katholischen Glauben die Sonntagspflicht gebe, bestünde für evangelische Christen keine Pflicht zum sonntäglichen Gottesdienstbesuch. Gottesdienst sei immer als Begegnung zu verstehen. „Wir hören Gottes Wort, aber auch Zuspruch, Ermutigung und Trost.“ Der Kirchgang rege an: „Wir nehmen Anteil an Freud und Leid des Anderen. Aber auch der Glaube drängt zum Austausch.“

Austausch über den Kirchgang gab es auch unter Künstler, galt er doch als beliebtes Motiv. Gerhardt von Reutern malte die Szene, Emil Beithan und eben auch Vincent Burek. „Burek griff das Thema vor allem in der Serie von Linoschnitten „Grafik aus der Schwalm“ auf“, erklärte die Leiterin der Kunsthalle Kati Werkmeister.

Abstrahiert und modern

Bemerkenswert sei die Perspektive des Werkes. Der Künstler scheine sich in die Reihe der Kirchgänger einzufügen. Der Stil sei abstrahiert und modern, besonders deutlich durch die Auflösung in geometrische Formen. „Das ist typisch für den Kubismus“, verdeutlichte die Kunsthistorikerin. Als weitere Besonderheit falle die Farbgebung auf. Das Bild sei vorwiegend in kalten Tönen gehalten und insgesamt ungewöhnlich dunkel. Somit entstehe der Eindruck einer Szene in der Abenddämmerung. Möglicherweise handele es sich um den Gang zum Abendmahl. Zum Vergleich zeigte Kati Werkmeister das Werk eines in der Schwalm weitgehend unbekannten, aber der Malerkolonie angeschlossenen Künstlers: „Kirchgang am Abend“ von Franz Martin Lünstroth. Auch hier handele es sich um eine seltene Nachtszene ohne künstliche Lichtquelle.

Rege tauschten sich die Besucher über die Bilder aus. Marthlies Ditter gab zu bedenken: „Auf Bureks Werk tragen die Frauen das Trauermäntelchen. Zum Abendmahl ging man damit nicht.“ Ulli Becker-Dippel fragte nach speziellen Kirchenwegen. Paul Dippel erinnerte sich an Burek als ein Ziegenhainer Original: „Was haben wir in der Schule gemacht? Linolschnitt.“

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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