Gespräch mit berühmtem Volkswirt und Mathematiker 

Nobelpreisträger Reinhard Selten ging in Melsungen zur Schule

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Reinhard Selten

Melsungen. Der Nobelpreisträger Reinhard Selten ist in Melsungen zur Schule gegangen - am 5. Oktober wird er 85 Jahre alt. Aus diesem Anlass haben wir mit ihm gesprochen.

Einmal hat der Mathelehrer ihn rausgeworfen: „Er hat eine Textaufgabe erläutert, und ich habe mich gleich beim ersten Satz gemeldet“, erinnert sich Reinhard Selten im Gespräch mit der HNA an seine Schulzeit zurück. Der Nobelpreisträger von 1994 besuchte von 1946 bis 1951 das heutige Geschwister-Scholl-Gymnasium in Melsungen. Heute feiert der berühmte Schüler seinen 85. Geburtstag.

Die vorschnelle Antwort brachte Reinhard Selten auf den Flur, wo er sich wunderte, warum sein Lehrer eine einfache Aufgabe so lange erklärte. „Da habe ich erkannt, dass ich für diese Dinge wohl eine besondere Begabung habe“, berichtet er. Eine Begabung, die seinen späteren Lebensweg bestimmen sollte: Nach seinem Abitur im Jahre 1951 studierte er Mathematik in Frankfurt.

In dieser Zeit wandte er sich der Spieltheorie zu - eine komplexe Methode, die berechnet, wie sich Menschen in Entscheidungssituation verhalten. Für seine Arbeit bekam Selten gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen im Jahr 1994 den Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften - als bislang einziger Deutscher überhaupt.

Bei der Entwicklung seiner Fähigkeiten half neben einer Reihe Bücher auch die nordhessische Landschaft: Als Seltens Familie in die Gegend zog, wohnten sie zunächst in Hilgershausen. Dreieinhalb Stunden wanderte er täglich, um zur Schule und wieder nach Hause zu gelangen. Die Zeit vertrieb er sich mit Matheaufgaben. „Ich habe mir zum Beispiel eine Lösung für Gleichungen vierten Grades überlegt“, erzählt er, „irgendwas muss man ja denken auf so einem langen Weg.“

Berühmter Schüler: Die stellvertretende Schulleiterin Elfriede Stelzig präsentiert das Abiturprotokoll des ehemaligen Schülers und Nobelpreisträgers Reinhard Selten neben seiner Bronzebüste.

1947 zog die Familie nach Melsungen in die Kasseler Straße. Die langen Schulwege waren Geschichte, doch sie hatten ihre Spuren hinterlassen: Seitdem wandert der emeritierte Professor gerne, wenn er über ein wissenschaftliches Problem nachdenkt.

Die Geschwister-Scholl-Schule, die zu Seltens Schulzeit noch im Vilmarschen Institut in der Rotenburger Straße untergebracht war, hat den berühmten Schüler zu seinem goldenen Abiturjubiläum im Jahr 2001 mit einer Bronzebüste geehrt. Gleich in der Eingangshalle steht sie und sieht dem geschäftigen Treiben in den Pausen zu. Seit 2004 verleiht das Gymnasium den Reinhard-Selten-Preis an Schüler, die sich besonders für die Schulgemeinde engagieren. „Professor Selten kommt zwar nicht im Lehrplan vor, aber er soll an unserer Schule ein Vorbild sein, über den Tellerrand zu schauen“, sagt die stellvertretende Schulleiterin Elfriede Stelzig. Ob die Schüler ihn tatsächlich so wahrnehmen, ist nicht bekannt. Gerüchten zufolge, erzählt Selten jedoch, würden Schüler vor wichtigen Prüfungen der Büste über die Stirn streicheln.

HINTERGRUND:

In der Spieltheorie werden Entscheidungssituationen modelliert, in denen sich mehrere Beteiligte gegenseitig beeinflussen. Sie versucht dabei unter anderem, das rationale Entscheidungsverhalten in sozialen Konfliktsituationen davon abzuleiten. Dafür erhielt Selten 1994 den Nobelpreis.

Quelle: HNA

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