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Milliardengrab Nord Stream 2 ist eine „tickende Zeitbombe“

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Von: Moritz Serif

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Ein Mitarbeiter mit einer Sicherheitsjacke von Nord Stream 2 steht vor der Molchstation in der Gasanlandestation von Nord Stream 2. Die Gaspipeline soll einmal 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr von Russland nach Deutschland befördern.
Nord Stream 2 könnte ein Milliardengrab werden (Archivfoto). © Jens Büttner/dpa/picture alliance

Nord Stream 2 steht still und gilt schon jetzt als Milliardengrab. Wie es weitergehen könnte und warum Explosionsgefahr besteht.

Lubmin – Russlands Wirtschaft leidet. Wegen der US-Sanktionen und dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine steht die Gaspipeline Nord Stream 2 am Rande des Ruins. Die Pipeline mit zwei 1230 Kilometer langen Strängen zwischen Russland und Deutschland ist zwar seit einem Jahr fertig, aber nie in Betrieb gegangen und gilt schon jetzt als Milliardengrab. Wie könnte es weitergehen?

Nord Stream 2: Was macht das Unternehmen überhaupt noch?

„Es gibt keinen Betrieb mehr, und wir sind nicht mehr im Fahrersitz“, sagt Nord-Stream-2-Sprecher Ulrich Lissek der Deutschen Presse-Agentur. Es seien von ursprünglich 230 noch etwa 30 bis 40 Mitarbeiter da, deren Verträge aber auslaufen. „Wir sind zum Abwarten verdammt“, sagt Lissek.

Was, wenn Nord Stream 2 in Konkurs geht?

„Im Wesentlichen geht es zu Beginn darum, sich einen Überblick zu verschaffen und das Inventar zu sichern“, sagt der Amtsleiter des Konkursamtes, Andreas Hess. Laut Staatssekretariat für Wirtschaft kommen bei einem Konkurs sämtliche Anlagen, Immobilien, Maschinen, Konten und Ähnliches in die Konkursmasse und werden, wenn möglich, verkauft.

Kann Nord Stream 2 verkauft werden?

Die Nord Stream 2 AG kann wegen der US-Sanktionen keinerlei Geschäfte machen, für jeden Käufer wäre die Übernahme illegal. Auch für das Konkursamt dürfte eine fertige Pipeline nicht einfach zu veräußern sein. Wie das gehen könnte, ist unklar. „Das ist ein Punkt, über den wir uns dann Gedanken machen, wenn es so weit ist“, sagt Konkursamtsleiter Hess.

Wer sind die Gläubigerinnen und Gläubiger?

Gazprom hat die Hälfte der Pipeline bezahlt, die andere wurde von fünf Firmen finanziert, darunter aus Deutschland Uniper und Wintershall Dea. Beide haben die Milliardeninvestitionen bereits abgeschrieben. „Wir werden alle Möglichkeiten prüfen, um die abgeschriebenen Forderungen ganz oder teilweise einzutreiben“, teilte Winterhall Dea der dpa mit. „Derzeit wird juristisch geprüft, ob es möglich ist, noch einen Teil der getätigten Ausleihungen ganz oder teilweise zurückzuerhalten“, teilt auch Uniper mit.

Nord Stream 2: Wer kümmert sich um die Sicherheit?

Zuständig ist das Bergamt Stralsund. Die Deutsche Umwelthilfe, die das Projekt von Anfang an bekämpft hat, spricht von einer „tickenden Zeitbombe“, unter anderem, weil die Pipeline mit Gas gefüllt ist. Bei einem Leck, einem Zusammenstoß mit einem U-Boot, einem Anschlag oder wenn eine noch scharfe Seemine aus vergangenen Zeiten dagegen treibe, drohe Gas an die Oberfläche zu gelangen und zu explodieren, sagt Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner.

Kann Nord Stream 2 für Flüssigerdgas (LNG) genutzt werden?

„Diese Pläne werden von uns derzeit nicht verfolgt“, so das Bundeswirtschaftsministerium. Wohl auch, weil man sich zuvor erst einmal Zugriff auf die Anlage verschaffen müsste, etwa über eine Enteignung. Stattdessen plant die Deutsche Regas zunächst, ab Dezember LNG per Schiff direkt in den Lubminer Hafen zu bringen.

Die Mengen wären aber geringer als bei der Nutzung der Pipeline. Für Ende 2023 plant die Bundesregierung ein weiteres schwimmendes LNG-Terminal vor Lubmin. Dann könnte die Nutzung der Nord-Stream-2-Leitungen wieder ein Thema werden. (mse/dpa)

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