Zur Therapie auf Odyssee - Nordhessischer Kultursommer in Treysa

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Schwalmstadt. Wird sich zwischen Männern und Frauen je etwas ändern? Gewiss nicht, beruhigt uns die Theaterfirma Erfurt. Bei einem höchst unterhaltsamen Abend in Totenkirche in Treysa hielten Christiane Weidringer und Klaus Michael Tkacz ihren Geschlechtsgenossen den Zerrspiegel vor.

Die Geschichte ist rasch erzählt: In der Ehe von Zeus und Hera haben sich Lustlosigkeit und Krittelei breitgemacht. Sie hauen sich ihre ewigen Unarten um die Ohren: „Du willst immer alles wegschmeißen – und Du willst immer alles aufheben!“

Mit eher minder niveauvoll Allgemeinplätzen kriegt das Schauspielerduo unter der Regie von Harald Richter immer wieder die Kurve. Jedenfalls beschließt das nicht mehr ganz junge und nicht mehr ganz unbeleckte Paar, Homers „Odyssee“ als Rollenspiel aufzuführen, und das Publikum erlebt dabei eine Irrfahrt der Zweideutigkeiten und karikaturhaften Überzeichnungen.

Zeus gibt den Odysseus als lustgesteuerten Schwerenöter, Hera schlüpft zu seinem Entzücken in die Rolle der Gespielinnen.

Die Bearbeitung füllt dabei die Waagschalen zwischen Kammerspiel und Klamotte gewissenhaft, so dass die Produktion zwar hin und wieder ins Slapstickhafte driftet, um dann das Ruder wieder herum zu reißen. Mal kalauernd („am Mittelmeer, doch keine Mittel mehr“), mal akrobatisch, wenn Odysseus halsbrecherisch den Mast seines Schiffes erklimmt, nimmt der Theaterabend immer neue, unerwartete Wendungen, begleitet von Lachern und Szenenapplaus.

Mit minimalistischen Mitteln und schöpferischen Anleihen des Fachs von der Puppenbühne über das Schattenspiel bis zum Figurentheater steuert die Inszenierung durch den letztlich auch lehrreichen Abend. Die Odyssee, die manchem qualvoll lang und sperrig ankam, wird zwar unbekümmert eingedampft, aber die Zuspitzung der Irrfahrt mit ihren berühmtesten Stationen auf die Thematik Ehe und Partnerschaft erscheint so lachhaft nicht. So hat man seinen Homer noch nicht erlebt, die Odyssee im Schnelldurchlauf, aber einprägsam.

Mit Finessen punktet auch das Bühnebild. Genauso, wie sich selbst, verwandeln es die beiden Darsteller wieder und wieder. Das Ehelager transformiert sich zum Schiff, zur Höhle des Zyklopen, zum Lotterbett, zum Waschzuber der unschuldigen Nausikaa, zum Gemach der sehnsüchtigen Penelope. Windmaschine, Schattenriss, Knallbonbon, ein dickes Kopfkissen als Weinschlauch: Es macht Spaß und ist kurzweilig, der Theaterfirma beim Spiel mit Requisiten und dramaturgischen Tricks zu zuschauen (Ausstattung: Ulrike Mitschke).

Am Ende hat der schnippische weibliche Part, Christiane Weidringer, mit heller, aber fester Stimme und viel Treffsicherheit in den Pointen vielleicht etwas mehr Anteile gegenüber dem des männlichen, dem dick aufgetragenen Lüstling, den Klaus Michael Tkacz nicht ganz hochdeutsch spielt. Die Odyssee als eheliche Therapiestunde und Parabel des Geschlechterkampfs – das ist bei aller Zotigkeit am Ende kein Witz. Kleine Patzer in der Tontechnik sind bei einem Gastspiel zu verzeihen. Kräftiger Applaus der leider zu wenigen Zuschauer, und das trotz des milden Abendhimmels über der Totenkirche, wofür sich Weidringer zum Schluss noch bei Zeus bedankte.

Nordhessischer Kultursommer: Odyssee als eheliche Therapiestunde

Von Anne Quehl

Quelle: HNA

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