Gasthäuser werden weniger 

Als Wirtin auch Psychologin: Doris Geisel führt seit 46 Jahren das Lokal Steinbrecher

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Die Gaststube vor dem Umbau: Rustikaler Look im Stil der Siebzigerjahre.

Bis in die Antike reicht die Geschichte der Gasthäuser zurück. In den Orten werden die Lokale weniger. Dabei sind sie oft das Herz der Dörfer.  Auch Doris Geisel, die seit 46 Jahren die Wirtin des Gasthauses Steinbrecher in Obergrenzebach ist, denkt über den Ruhestand nach.

Obergrenzebach - Sie ist Wirtin mit Leib und Seele. Doris Geisel wuchs im elterlichen Betrieb, dem Gasthaus Steinbrecher in Obergrenzebach auf. Mit 14 Jahren half sie das erste Mal im Gasthaus mit aus. Seit 1986 führt sie die Gaststätte. Nun denkt sie an den Ruhestand und das fällt ihr nicht leicht.

Denn das Geschäft am Tresen ist ihr ans Herz gewachsen. Sie kennt fast jeden Gast und seine Lebensgeschichte. „Als Wirtin ist man auch ein bisschen Psychologin“, sagt sie. Denn nicht nur ausschenken müsse man können, sondern auch zuhören. Beim Bier erzählten die Menschen schon mal von ihren Probleme und suchten Rat.

Ihre große Leidenschaft ist das Kochen. Sie verwendet frische Produkte aus der Region und kocht gut bürgerlich. Ein Gast, der jüngst am Silbersee Ferien machte und bei ihr einkehrte, meinte begeistert: „Endlich mal wieder deutsche Küche.“ Doch es gibt auch eine Pizzakarte auf der Internetseite.

Das Kochen brachte sie sich selbst bei. Ihr Wunsch, am Eisenberg eine Kochausbildung zu absolvieren, erfüllte sich nicht. Denn ihr Vater Johannes Steinbrecher, der das Haus 1958 von seinem Onkel Wilhelm Krebs übernommen hatte, meinte, sie solle einen vernünftigen Beruf ergreifen. So lernte sie zunächst im Lebensmittel-Einzelhandel.

Bekannt wie ein bunter Hund: Vollblutwirt Johannes Steinbrecher an seinem 60. Geburtstag.

Doch es dauerte nicht lang und sie kehrte wieder in den elterlichen Betrieb zurück. Gern erinnert sie sich an die Tanzabende im Saal in ihrer Jugend und die ausgelassenen Karnevalspartys. Auch Kirmessen wurden gefeiert. Das sei übrigens auch das Steckenpferd ihres Vaters gewesen.

Johannes Steinbrecher richtete große Zelt-Kirmessen von Leimsfeld bis Berfa aus. Im Sommer drosch er tagsüber im Lohnbetrieb für die Bauern Getreide, abends schenkte er Bier aus. Bis 1989 betrieb die Familie zudem einen Edeka-Laden und vermietete bis vor vier Jahren Fremdenzimmer.

Ein großer Einbruch in der Geschichte des Gasthauses, das vor 105 Jahren von Wilhelm Krebs gegründet worden war, war der große Brand vor 50 Jahren. Ein Brandstifter, der damals viele Brände in der Gegend gelegt hatte, hatte das Fachwerkhaus angezündet. Er sei psychisch krank gewesen, erinnert sich die Wirtin. Das Haus brannte 1969 vollkommen aus. Auf Bildern sieht man, wie es in Schutt und Asche liegt.

Nichts blieb davon übrig: Das alte Gasthaus in der Ortsmitte brannte 1969 völlig ab, ein Brandstifter hatte es angezündet.

Johannes und Emma Steinbrecher bauten alles neu auf. Sie mussten Kredite aufnehmen, für die sie bis zu 21 Prozent Zinsen zahlten.

Auch Doris Geisel musste Schicksalsschläge einstecken. Ihr Mann Heinz Geisel starb 2010 plötzlich nach einem Urlaub auf Mallorca. Vier Monate später verstarb auch Vater Johannes Steinbrecher. Das sei keine leichte Zeit gewesen, sagt sie.

Doch die Wirtin, die zwei erwachsene Kinder hat, gab nicht auf. Mittlerweile wird sie vom Lebensgefährten Jörg Schroeder unterstützt. Und auch ihre Tante Martha Merle hilft gern einmal am Zapfhahn aus.

Die Gaststube vor dem Umbau: Rustikaler Look im Stil der Siebzigerjahre.

Vieles habe sich im Laufe der Jahre verändert, heute sei es wichtig, dass sie Sky hat. Samstags kommen Obergrenzebächer und schauen sich die Bundesligaspiele an. Es gibt auch einige kleine Clubs, die sich regelmäßig hier treffen. Neben dem Abendbetrieb lebt die Wirtschaft von Familien- oder Betriebsfeiern oder Veranstaltungen aller Art sowie einem Catering. Neu ist ein Angebot in den ehemaligen Sparkassenräumen, in der einst der Laden war. Dort hat Doris Geisel ein kleines Café in Wohnzimmeratmosphäre eingerichtet.

Genug Elan hat sie also noch, doch das Aufhören dränge schon wegen der Gesundheit, sagte sie. Obwohl sie immer noch Wirtin aus Leidenschaft sei und das seit 46 Jahren.

Quelle: HNA

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