Neue Rechtsprechung

Forensik in Bad Emstal: Ohne gute Prognose geht keiner

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Ausreichend Personal ist wichtig: Die Ärztliche Direktorin der forensischen Psychiatrie in Bad Emstal, Birgit von Hecker, fordert eine eindeutige Gesetzgebung.

Merxhausen. Eine neue Rechtsprechung für die Betreuung psychisch kranker Rechtsbrecher in Hessen hat für Unruhe gesorgt. So sollen schuldunfähige und vermindert schuldfähige Straftäter, die aufgrund ihrer Erkrankung als gefährlich gelten (Paragraf 63, Strafgesetzbuch), künftig nicht mehr unbefristet in der Forensik bleiben.

Wir sprachen mit der Ärztlichen Direktorin der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Bad Emstal, Birgit von Hecker, über die Auswirkungen für die Forensik in Merxhausen.

Im hessischen Maßregelvollzug müssen aus Gründen der Verhältnismäßigkeit langjährige Patienten nun entlassen werden. Was bedeutet das für die forensische Psychiatrie in Bad Emstal?

Birgit von Hecker: Da bei uns die Unterbringung in der Entziehungsanstalt (Paragraf 64, Strafgesetzbuch) erfolgt und diese zeitlich befristet ist, kommen hier keine Entlassungen aus Gründen der Verhältnismäßigkeit vor. Sollte bei Ablauf der Höchstfrist der Unterbringung ein Patient weiterhin gefährlich sein, wird er in die Justizvollzugsanstalt entlassen.

Welche Patienten sind bei Ihnen untergebracht?

Von Hecker: Bei uns werden Männer betreut, die älter als 18 Jahre sind und die auf Grund ihrer Suchterkrankung eine Straftat begangen haben. Viele handelten mit Betäubungsmitteln. Ein Großteil der Patienten benötigte Geld für den Drogenkonsum und hat Überfälle verübt. Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Straftat und der Suchterkrankung. 50 Prozent der Patienten haben begleitend eine Persönlichkeitsstörung.

Wie lang ist die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Patienten in Merxhausen?

Von Hecker: Im Schnitt bleiben die Patienten zwei Jahre. Prinzipiell ist die Aufenthaltsdauer abhängig von der parallelen Freiheitsstrafe. Die Höchstfrist macht zwei Drittel der Freiheitsstrafe aus, plus zwei Jahre Maßregelvollzug.

Ist die Entlassung von Patienten von der Prognose der Ärzte abhängig?

Birgit von Hecker (51) ist seit Bestehen der forensischen Psychiatrie in Bad Emstal im Jahr 2007 deren Ärztliche Direktorin. Davor war sie Leitende Ärztin im Bereich Abhängigkeitserkrankungen in Bad Emstal. Seit dem Jahr 1995 ist die Ärztin bei Vitos Kurhessen beschäftigt. Birgit von Hecker studierte Medizin an der Universität Würzburg. Sie hat eine Tochter und lebt in Niedenstein. (ant)

Von Hecker: Die Strafvollstreckungskammer überprüft halbjährlich den Therapiefortschritt und holt dazu auch eine Prognoseeinschätzung von der Klinik ein. Eine Entlassung aus der Klinik kann nur befürwortet werden, wenn wir davon ausgehen, dass Patienten keine weiteren Straftaten begehen werden.

Dem Maßregelvollzug fehlt die gesetzliche Grundlage für Zwangsbehandlungen. Welche Folgen hat das für ihre Arbeit?

Von Hecker: Für unsere Arbeit hat es relativ geringe Konsequenzen. Bei uns gibt es nur selten Patienten, für die eine Zwangsbehandlung in Frage kommt.

Wen betreffen Zwangsbehandlungen?

Von Hecker: Vor allem Patienten mit Schizophrenie, die Wahnvorstellungen haben, sich verfolgt fühlen und für andere Menschen eine Gefahr darstellen. Zu ihrem Krankheitsbild passt es, dass sie die Einnahme von Medikamenten verweigern. Ihnen fehlt die Krankheitseinsicht.

Was erwarten Sie von der Landesregierung in Bezug auf einen sicheren und bezahlbaren Maßregelvollzug?

Von Hecker: Wir benötigen eine ausreichende personelle Ausstattung. Außerdem warten wir auf eine eindeutige Gesetzgebung, die uns Rechtssicherheit gibt.

An welcher Stelle sind die Gesetze nicht eindeutig?

Von Hecker: Wenn wir beispielsweise einen Patienten mit einer drogeninduzierten Psychose haben, kommt es vor, dass er seine Medikamente nicht nimmt. Das wiederum führt dazu, dass sein Wahn voll zum Tragen kommt. In diesem Zustand ist eine Therapie nicht möglich.

Von Antje Thon

Quelle: HNA

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