HNA-Interview: Sie ist eine der Erfolgreichsten im deutschen Behindertensport

Ohne Respekt geht es nicht

Kirsten Bruhn: Die querschnittgelähmte Top-Schwimmerin (45) kämpfte sich nach ihrem Motorradunfall an die Spitze. Sie ist am Freitag, 23. Januar, in Oberaula zu Gast. Foto: privat

Schwalm. Das neue Sozialzentrum in Oberaula wird nächste Woche eingeweiht: Als Ehrengast für diesen Tag hat Bürgermeister Klaus Wagner den deutschen Paralympic-Star Kirsten Bruhn gewonnen. Die 45-Jährige hat sich seit 2002 kontinuierlich an die Weltspitze geschwommen. Wir haben mit der Sportlerin im Vorfeld gesprochen.

Frau Bruhn, Sie haben ja bereits als Kind aktiv Schwimmsport betrieben. Was hat Sie nach dem Unfall motiviert, wieder ins Wasser zu steigen?

Kirsten Bruhn: Nach der Diagnose war das Einzige, was ich fühlte, Schock und Schrecken. Man hatte mir gesagt, dass ich mein restliches Leben sitzend verbringen werden würde. Schon in der Reha merkte ich, wie tragend Wasser ist. Ich habe mich wohl gefühlt. Und obwohl die Reha harte körperliche Arbeit war, habe ich doch Freude im Element Wasser verspürt. Und Schwimmen stellte sich auch als die effektivste der Therapien heraus.

Wann haben Sie angefangen, das Training ehrgeiziger zu betreiben?

Bruhn: Das war ein schleichender Prozess. Zwischen 1994 und 1998 hat sich das Training intensiviert. In dieser Zeit traf ich dann auch Schwimmkameraden von einst. Hier und da mal ein freundliches Hallo, tiefgehende Gespräche gab es nicht. Die gab es aber nie. Jeder macht sein Training, und darüber hinaus gab es eher wenig enge Freundschaften. Der Ehrgeiz entwickelte sich vor dem ersten Wettkampf, auf den ich mich – wenn ich es aus Sicht der „Fußgänger“ betrachte – eher dilettantisch vorbereitet war.

Ich bin da ein wenig naiv ran gegangen, an die Teilnahme an Paralympic war da noch lange nicht zu denken. Aktuell versuchen sich Körper und Geist ans Abtrainieren zu gewöhnen. Ich habe mich genug gequält, mein Herz kräftig und groß trainiert – doch der Weg zurück ist emotional genauso hart wie der Weg an die Spitze. Im Moment signalisiert mir der Körper noch dauernd, dass er trainieren möchte.

Wie schätzen Sie den Stellenwert des Behindertensports ein?

Bruhn: Ich ziehe aus den vergangenen Jahren ein durchweg positives Resümee. Aber wir sind noch nicht da, wo wir hin gehören. In der Lobbyarbeit gibt es noch einiges zu tun. Ich bin überzeugt, dass wir das über Gesichter und Geschichten, über „Leuchttürme“ schaffen können – aber es dürfen nicht immer dieselben sein. Behindertensport hat ein breites Spektrum zu bieten. Ich finde es wichtig, dass Sportler auch von den Medien in ihrer Entwicklung begleitet werden – und dass wir nicht nur alle vier Jahre, zu den Paralympic, erscheinen. Auch im Behindertensport gibt es Deutsche, Europa- und Weltmeisterschaften. Es wird nur kaum darüber berichtet.

Sie sind eine von drei außergewöhnlichen Spitzensportlern, die im Kinofilm „Gold – Du kannst mehr als du denkst“ porträtiert werden. Warum haben Sie sich entschieden, sich von der Kamera begleiten zu lassen?

Bruhn: Weil mir das Konzept gefallen hat. Es erzählt vom Traum der Sportler, vom Ehrgeiz, von harter Arbeit, Familie, Ängsten, Niederlagen und von Erfolg. Wir drei Protagonisten fühlen uns so dargestellt wie wir sind, nicht kränklich, sondern voller Power und mit festen Zielen.

Was ärgert Sie im Umgang mit „Fußgängern“?

Bruhn: Mich nervt, dass viele im Umgang mit Menschen mit Behinderung immer noch eine Brille auf haben oder glauben, einen Freifahrtschein für dumme Fragen zu haben. Ich finde, es mangelt häufig an Feingefühl. Wenn ich als erstes gefragt werde, was mir denn passiert sei, ärgert mich das. Dann reduziert mich mein Gegenüber auf den Rollstuhl. Gut finde ich, dass heute offener über Themen gesprochen wird, aber der Respekt gegenüber dem Anderen sollte bei aller Offenheit nicht verloren gehen.

• Termin: Die Einweihungsfeier für das Sozialzentrum Oberaula ist am Freitag, 23. Januar, ab 10.30 Uhr in der Mehrzweckhalle.

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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