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Paar aus Böddiger lebt seit 33 Jahren zusammen

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Von: Barbara Kamisli

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Lieben den Blick über Böddiger: Uwe Lengen und sein Partner Frank Fulda-Lengen sind vor 27 Jahren nach Böddiger gezogen, weil sie sich in den Ausblick von ihrem Haus aus verliebt hatten.
Lieben den Blick über Böddiger: Uwe Lengen und sein Partner Frank Fulda-Lengen sind vor 27 Jahren nach Böddiger gezogen, weil sie sich in den Ausblick von ihrem Haus aus verliebt hatten. ©  Barbara Kamisli

Queere Menschen, das sind Menschen, die in ihrer Sexualität oder ihrer Geschlechtsidentität nicht der Mehrheit entsprechen.

Böddiger – Wir beleuchten das Thema regional.

Erpressung, Haft, ein Aufenthalt in der Psychiatrie, die Flucht vor den Behörden – Uwe Lengen (81) hat durch sein von jeher offen gelebtes Schwulsein viel Negatives erlebt.

„Die Wende kam 1964“, sagt der 81-Jährige. Damals hat er sich in Kassel selbstständig gemacht. Uwe Lengen eröffnete den ersten Treffpunkt für homophile Gäste – die Gondelschänke. Ein Wagnis in einer Zeit, in der Homosexualität in Deutschland noch strafbar war. Es gab viele Anfeindungen und Angriffe gegen homophile Männer. Erst ab 1969 stand der Geschlechtsverkehr zwischen zwei volljährigen Männern nicht mehr unter Strafe.

Doch Lengen, der seine Homophilie immer offen gelebt hat, schreckte das nicht ab. Er ging seinen Weg konsequent und erfolgreich. Selbst von oberster Stelle erfuhr er Unterstützung. „Der damalige Polizeipräsident Heinz Hille sagte mir seine Hilfe zu“, erinnert sich Lengen. Auch später als Hille 1972 Bürgermeister von Kassel wurde, konnte Lengen auf ihn zählen. Und so erweiterte er 1979 seinen Betrieb, um eine Herrensauna.

Über sein Schwulsein oder seine Homophilie spricht und sprach Uwe Lengen immer offen, von Homosexualität spricht er nicht. „Erstens ist mein Leben nicht meine Sexualität. Und zweitens geht die keinen etwas an“, sagt der 81-Jährige.

Vor einigen Jahren hat Lengen sich aus dem Geschäft zurückgezogen. „Ich bin überzeugt davon, dass das nicht mehr gebraucht wird“, sagt er. Lengen hat sich von Beginn an für benachteiligte Minderheiten eingesetzt. „Die Schwulenbewegung hat einiges erreicht, wir müssen dafür sorgen, dass wir das Erreichte auch erhalten können.“ Eine Meinung, die auch sein Partner Frank Fulda-Lengen teilt.

Die Ehe für alle ein Meilenstein

Er und Uwe Lengen sind seit 33 Jahren ein Paar. Der 54-Jährige bezeichnet die Ehe für alle, die es seit 2017 in Deutschland gibt, als einen Meilenstein. „Eine Ehe ist etwas, das kann der Staat nicht einfach zurücknehmen. Ich habe regelrecht aufgeatmet, als diese Entscheidung gefallen ist“, sagt Fulda-Lengen.

Er und sein Partner haben allerdings nichts mehr davon, denn auf dem Papier sind sie Vater und Sohn. Uwe Lengen hat den 54-Jährigen vor 30 Jahren adoptiert. Ein Umweg, der nötig war, um seinem Lebensgefährten, die Rechte eines Angehörigen einzuräumen. Lengen lag damals nach einem Herzinfarkt auf der Intensivstation, sein Partner Frank hätte ihn noch nicht einmal besuchen dürfen.

Viel sei in der Akzeptanz von queeren Menschen nicht nur durch deren eigenen Einsatz erreicht worden, sondern Prominente und Persönlichkeiten, die in der Öffentlichkeit stehen, hätten ebenfalls dazu beigetragen. Gerade auch im Bezug auf Aids.

„Lady Di hat damals einen Aidskranken in den Arm genommen, um zu zeigen, dass man sich dadurch eben nicht ansteckt“, sagt Frank Fulda-Lengen.

Viele wussten einfach wenig über die Krankheit, ergänzt Uwe Lengen. Er habe sich früh weitergebildet auf Schulungen der Deutsche Aidshilfe zum Beispiel. „Ich wollte eine Anlaufstelle sein für Fragen sein und Aufklärung leisten“, sagt Lengen. Er habe viele Menschen verloren durch die Krankheit. „Einmal sagte Frank zu mir, sortiere doch mal deine alten Fotos“, erinnert sich der 81-Jährige. Irgendwann habe er aufhören müssen. „Ich konnte das nicht mehr. Die Hälfte der Menschen ist tot. Gestorben an Aids.“

Erinnerung an alte Zeiten: Uwe Lengen hinter dem Tresen seiner Bar Pferdestall in Kassel. Archiv
Erinnerung an alte Zeiten: Uwe Lengen hinter dem Tresen seiner Bar Pferdestall in Kassel. Archiv © Barbara Kamisli

Kassel ein liberales Pflaster

Während zu dieser Zeit in anderen Städten hart gegen Schwule vorgegangen wurde, habe sich erneut gezeigt, dass Kassel in dieser Hinsicht ein liberaleres Pflaster war. „In München, Dortmund und Frankfurt gab es ständig Razzien in den Schwulenbars“, sagt Lengen. Vieles, was bis dahin in der Schwulenbewegung erreicht worden war, stand wieder auf einem wackligen Fundament.

Es sei eine schlimme Zeit gewesen. Als Schwulenkrebs sei Aids bezeichnet worden. „Angst“, sagt Frank Fulda-Lengen, „führt zu Ausgrenzung.“ Durch das Engagement von Prominenten wie Inge Meysel und Politikern wie Rita Süssmuth sei es glücklicherweise nicht gelungen, das bis dahin Erreichte zunichtezumachen.

Auch das Privatfernsehen habe zur Aufklärung beigetragen und das Thema Schwulsein in der Öffentlichkeit sichtbar gemacht. „In den Talkshows wurde doch ständig über Themen, wie ‘Mein Sohn ist schwul, was kann ich tun‘ geredet“, sagt Fulda-Lengen. Der berühmte Satz „Ich bin schwul und das ist auch gut so“, den Klaus Wowereit 2001 sagte, habe ebenfalls zur Akzeptanz beigetragen.

So sei es heute möglich, dass queere Menschen einfach „mitleben“. Wie die Lengens in Böddiger. „Wir haben einen Ort der Ruhe für Uwe gesucht, da er schwer herzkrank war“, sagt Fulda-Lengen. Diesen fanden sie in Böddiger. „Wir sind hier vor 27 Jahren mit offenen Armen aufgenommen worden“, sagen beide.

Sie engagieren sich in zahlreichen Vereinen

In der jüdischen Gemeinde, haben es beide schon zum Schützenkönig gebracht und legen bei der Kirmes gerne mal eine flotte Sohle aufs Parkett. „Mancher war am Anfang vielleicht enttäuscht, dass wir so normal sind“, sagen die Lengens und lachen. Wer dazu gehören will, der muss sich einbringen in die Gemeinschaft. „Das gilt aber nicht nur für Schwule“, sagt Frank Fulda-Lengen.

(Barbara Kamisli)

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