Interview mit Pfarrer Wolfgang Hanske

Notfallseelsorger: "Versuche, mit dem Tod umzugehen"

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Lernen, mit dem Tod umzugehen: Wolfgang Hanske, Pfarrer im Kirchenspiel Istha/Oelshausen, ist Notfallseelsorger. Er wird gerufen, wenn Todesnachrichten überbracht werden müssen.

Istha. Im Wolfhager Land gibt es ein Netz an Notfallseelsorgern. Ihr Einsatz ist immer dann gefragt, wenn Todesnachrichten überbracht werden müssen - keine leichte Aufgabe.

Über seine Arbeit als Notfallseelsorger sprach Antje Thon mit Wolfgang Hanske. Er ist Pfarrer im Kirchspiel Istha/Oelshausen.

Herr Hanske, Sie sind ein lebensfroher Mensch. Welches Verhältnis haben Sie persönlich zum Tod? 

Wolfgang Hanske: Ich habe keine persönliche Beziehung zum Tod. Man kann nur versuchen, mit ihm umzugehen. Es gibt Phasen, in denen ich mich vom Tod bedroht fühle. Gerade bei Notfalleinsätzen erlebe ich, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Dann gibt es aber auch Momente, in denen mir mein Glaube und der Besuch von Gottesdiensten Halt geben.

Warum haben Sie sich zum Notfallseelsorger ausbilden lassen? 

Hanske: Ich selbst bin nicht auf die Idee gekommen. Im Jahr 1997 ist die Feuerwehr auf die Pfarrerschaft zugekommen mit der Frage, was passiert eigentlich mit Menschen, die in einen Unfall verwickelt sind, die aber auf den ersten Blick nicht verletzt sind und um die sich die Einsatzkräfte nicht kümmern können? Als Reaktion auf diese Frage haben sich einige Pfarrer umfassend ausbilden lassen. Ich war damals dabei. Inzwischen hat sich aber unsere Arbeit gewandelt - früher haben wir das freiwillig gemacht, heute ist diese Aufgabe für alle evangelischen Pfarrer verpflichtend. Wir kümmern wir uns um Menschen, die unverhofft mit schrecklichen Ereignissen konfrontiert werden.

Wenn Sie als Notfallseelsorger gefragt sind, wissen Sie, dass jemand aus dem Leben gerissen wurde. Womit rechnen Sie bei Ihrem Einsatz? 

Hanske: Mit allem. Die Reaktionen der Menschen auf schlimme Nachrichten sind ganz unterschiedlich. Daher weiß ich nicht, was mich erwartet. Ich stelle mich aber auf zwei, drei intensive Stunden ein, in denen ich die Angehörigen solange betreue, bis Freunde und Verwandte da sind, die sich kümmern.

Worin sehen Sie persönlich den Sinn beim Überbringen von Todesnachrichten? 

Hanske: Die Menschen sind in Not. Alles was bislang galt und wichtig war, ist in Frage gestellt. Stellen Sie sich vor, ein Kind musste vor seinen Eltern gehen. In diesem schweren Moment ist es wichtig, den Eltern beizustehen. Unser christlicher Ansatz ist es, den Nächsten zu sehen und sich ihm anzunehmen.

Was genau tun Sie bei Ihrer Arbeit als Notfallseelsorger? 

Hanske: Ich begleite die Menschen, zeige Nähe in einer schwierigen Phase. Manchmal muss ich auch die Wut der Angehörigen aushalten, wenn sie mich fragen, wo Gott war, als die Tochter, der Ehemann oder die Mutter unverschuldet bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Mir ist es wichtig, dass die Menschen, die einen Verlust erlitten haben, ins Gespräch kommen. Denn Reden hilft!

Ist es überhaupt möglich, in Momenten großen Schmerzes, Trost zu spenden? 

Hanske: Ich möchte das Gefühl vermitteln, dass die Menschen bei aller Trauer nicht allein sind. Ich denke schon, dass wir Notfallseelsorger trösten können. Aber ich glaube nicht, dass die Zeit alle Wunden heilt.

Hinterlässt der Schmerz der Menschen bei Ihnen Spuren? 

Hanske: Ja, es gibt Spuren. Mit zunehmendem Alter berühren mich die Erlebnisse stärker. Ich kann den Schmerz der Menschen gut nachfühlen. Ich weiß, was es bedeutet, allein zu sein und jemanden zu verlieren, den man geliebt hat.

Welche Strategien haben Sie, um die Bilder von Ihren Einsätzen wieder loszuwerden? 

Hanske: Ich weiß nicht, ob ich die Bilder abschütteln kann. Aber ich muss mit ihnen umgehen können und ihnen ihren Platz geben. Dabei helfen mir Supervision und Gespräche.

Wann können Sie für sich sagen, Sie haben einen guten Job gemacht? 

Hanske: Tja, wann weiß man das? Manchmal rufen die Leute an, schreiben einen Brief. Dann war es wohl gut. Manchmal fährt man vom Einsatz aber auch verunsichert heim und weiß nicht, ob man alles richtig gemacht hat.

Hat der Tod auch eine positive Seite? 

Hanske: Für mich persönlich - definitiv. Die Konfrontation mit dem Tod, mit der Endlichkeit des Lebens führt mich dazu, mein Leben bewusst anzugehen und ihm einen Sinn zu geben.

Von Antje Thon

Quelle: HNA

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