Landwirtschaft, wie sie früher war - 130 Besucher beim Erzählcafé

Die Pferdebauern von Sand

Pferdebauern: In Sand gab es in den 40er- und 50er-Jahren noch etwa 20 Betriebe mit Pferden. Die hatten die größeren Höfe - bewirtschafteten mehr Land als die Kuh- und Ziegenbauern. Repro: Junker

Merxhausen. Mit so vielen Besuchern hatte niemand gerechnet, fast 130 Zuhörer füllten den Vitos-Festsaal in Merxhausen, selbst die eilig herbeigeschafften Reserve-stühle wurden besetzt. Das war für die erzählenden Senior-Landwirte Karl-Ernst Rüppel (Sand) und Adolf Planarsch (Merxhausen) natürlich ein Grund zur Freude, mehr noch aber für den Kultur- und Geschichtsverein Bad Emstal, dessen Veranstaltungsreihe mehr und mehr Zuspruch findet.

Karl-Ernst Rüppel berichtete über die Aufteilung des Sander Gutshofes Mitte der 30er-Jahre in vier Siedlerhöfe und einen Resthof, der dann mit knapp 22 Hektar Land von Familie Knippschild bewirtschaftet wurde. Die waren gemeinsam mit Rüppels dann die größten Pferdebauern in Sand.

„Natürlich waren wir auch die ersten, die moderne Technik anschaffte“, erzählte Rüppel über seine erste Kindheitserinnerung aus dem Jahr 1942. Da kam der erste Traktor auf den Hof, ein Stock-Fabrikat. Und nicht nur das, außerdem wurde ein Wagen mit ganz neumodischer Gummibereifung gekauft. Dieses Gespann wurde aber nicht nur als Ackergerät eingesetzt, sondern auch für Transportzwecke.

Rüppel nannte Fahrten zur Fritzlarer Ederbrücke nach dem Bombardement der Edersee-Talsperre im Mai 1943, für die der Wagen mit Sitzgelegenheiten für die Nachbarn ausgerüstet wurde. Auch Materialtransporte aus Kassel wurden erledigt, einmal - im Oktober 1943 - sogar die Särge mit den beim Bombenangriff auf Kassel umgekommenen Dorfbewohnern, die dann auf dem Sander Friedhof beerdigt wurden.

In dem Dorf gab es in den 40er- und 50er-Jahren Pferde-, Kuh- und Ziegenbauern. Die etwa 20 Betriebe mit Pferden hatten die größeren Höfe mit zehn bis 23 Hektar Land. 42 Betriebe mit Kühen und drei bis fünf Hektar gab es und etwa 50 Haushalte mit Ziegenhaltung. In Sand wohnten auch viele Arbeiter. Die pachteten die Wegraine von der Gemeinde, um dort das Gras für ihre Tiere zu schneiden.

Die Pferdebauern ackerten das Land der Ziegenbauern mit, denen dafür die Technik fehlte. Im Gegenzug halfen deren Frauen und Kindern den Pferdebauern in Spitzenzeiten bei Aussaat und Ernte.

Die Gemeinde war verantwortlich für die Vorhaltung der männlichen Zuchttiere, Eber, Bullen und Ziegenbock standen in den dafür bestimmten Betrieben und kamen auf Zuruf zum Einsatz. Der Gemeindeziegenbockhalter, Rost-Henner, war gleichzeitig der Totengräber.

In Backhäusern wurde gemeinsam gebacken, mehrere Mühlen mahlten im Dorf, die Milch wurde in die Balhorner Molkerei gebracht. Viele interessante Dinge wurden auch aus Merxhausen berichtet, Details zum Anbau und Ernte von Rüben, Getreide und Kartoffeln genannt, Ackerbau und Viehzucht in früheren Jahren beschrieben.

Das Thema Landwirtschaft in Bad Emsal - früher und heute - interessierte allerdings vor allem die ältere Generation. Bei vielen der Besucher wurden Kindheitserinnerungen aufgefrischt, denn viele waren auf Bauernhöfen aufgewachsen oder hatten gar selbst in der Landwirtschaft gearbeitet.

Zum Beispiel Liesel Heisig, die den Beitrag in Sachen Kuhbauern ergänzte: „In der Dorfstraße gab es sogar jemanden, der Mitternachtsbauer genannt wurde.“ Termin: Erzählcafé „Geschichte der Firma Thiel bis zur Firma MAHO“, Samstag, 12. Februar, 15 Uhr Infos: www.geschichtsverein-bademstal.de

Von Constanze Junker

Quelle: HNA

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