„Pflege ohne Stechuhr“

In Altenheimen möchte man sich nicht an starre Versorgungszeiten halten

Mehr Zeit für die Senioren: In den Heimen im Altkreis stöhnt man über die zunehmende Bürokratie im Pflegebereich. Foto: Archiv

Wolfhager Land. Pflege soll jetzt im neuen Jahr transparenter werden. Auch der Pflege-TÜV wurde reformiert. Seit dem Jahr 2009 geht der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) mindestens einmal im Jahr in Pflegeeinrichtungen und bewertet deren Qualität mit Schulnoten.

Dabei erhielten viele Einrichtungen ein „Sehr gut“. Grund war das Bewertungssystem: Positive Bereiche konnten auch gravierende Mängel an anderer Stelle ausgleichen.

Die Notenvergabe soll jetzt differenzierter erfolgen. Dabei liegt die Messlatte für die „Eins“ höher. Diese Neuregelungen gelten aber zunächst nur für Pflegeheime, nicht für Sozialpflegedienste.

Grundsätzlich seien die Kontrollen wichtig und richtig, meint Inga Röll von der Seniorenresidenz Burghasungen. Sie rechnet mit einem Besuch in den nächsten Wochen. Allerdings kann sich Röll nicht mit der geforderten zunehmenden Bürokratie anfreunden. Und auch die Zeiten, die für bestimmte Tätigkeiten festgelegt werden, seien realitätsfern. Nicht jedem alten Menschen könne man in den geforderten drei Minuten die Zähne putzen. „Wir möchten jedem Bewohner individuell die Zeit zukommen lassen, die er braucht.“

Sie seien gesetzlich gezwungen, diesen Papierwust zu erledigen. Halb soviel davon reiche auch. „Wir würden die Zeit für Papierkram lieber den Heimbewohnern schenken“, meint die Geschäftsführerin.

Und gerade die Dokumentation sei es, die hier und da zu Punktabzügen beim MDK-Besuch führe.

Einmal habe man eine Flasche mit Schmerzmittel einen Tag länger im Regal des Mitarbeiterzimmers stehen gelassen, obwohl die Seniorin es an dem betreffenden Tag schon nicht mehr erhielt. So etwas schlage tüchtig auf die Gesamtbewertung. „Uns wäre es lieber, wenn die Inspektoren sich mehr die Senioren anschauen als die Akten“, wünscht sich Inga Röll.

Im Seniorenheim am Wald in Breuna kann man die Aussagen von Röll nur unterstreichen. Auch hier werden Kontrollen grundsätzlich als wichtig eingeschätzt. „Aber bei uns sind drei bis vier Leute jeden Tag nur mit Schreiben beschäftigt“, sagt Heimleiterin Marina Rumpf. Schließlich rasiere man die männlichen Pflegeheimbewohner täglich und dennoch müsse man es jeden Tag aufschreiben.

Auch die Zeitvorgaben sind dem Altenheim-Team ein Dorn im Auge. Man könne nicht jeden Senior nach der Stechuhr anziehen. Gerade dementen Menschen müsse man besonders gut erklären, was man gerade mache. In vier Minuten sei das nicht immer zu schaffen. „Ich kann dem Menschen doch nicht die Kleider vom Leib reißen“, sagt Rumpf. Die Menschlichkeit dürfe durch gesetzliche Vorgaben nicht auf der Strecke bleiben.

Von Bea Ricken

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare