Marion Viereck aus Melsungen kritisiert zu straffe Zeitvorgaben

Unmenschliches Pflegesystem: Medizinischer Dienst erklärt Minutenregel

Melsungen. Zwei Minuten fehlen Ruth Grede zur Eingruppierung in die Pflegestufe 1 (wir berichteten). Wir sprachen mit Marion Viereck, die seit 30 Jahren in der Pflege aktiv ist und in Melsungen einen Pflegedienst führt. „Die zeitlichen Vorgaben sind in der Pflege-Praxis nicht einzuhalten“, sagt Marion Viereck.

MarionViereck

Sollten im Fall von Ruth Grede tatsächlich nur zwei Minuten zur Eingruppierung gefehlt haben, sei das eine Frechheit vom Gutachter, aber insbesondere von der Pflegekasse. Denn die endgültigeEntscheidung liege immer beim Sachbearbeiter der Kasse. Der Gutachter gibt nur Empfehlungen ab.

„Wir raten Patienten immer, im Vorfeld bereits einen Pflegedienst hinzuzuziehen. Bei der Begutachtung sind wir dann nämlich auf jeden Fall dabei.“ Dem Gutachter könnten dann Schwierigkeiten mitgeteilt werden und auf individuelle Besonderheiten hingewiesen werden. Viele Einstufungen seien sehr subjektiv, „das erleben wir in unserem Arbeitsalltag immer wieder.“ Bei den Pflegekassen werde dann auch mit zweierlei Maß gemessen.

Von Damai D. Dewert

"Wir sehen das Messen von Pflege in Minuten auch kritisch" 

Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) zu Zeitvorgaben in der Pflege

Wer mehr als 45 Minuten Hilfe von anderen beim Essen, Waschen und Anziehen benötigt, der kann auf finanzielle Unterstützung von der Pflegekasse hoffen, um damit zum Beispiel einen Pflegedienst oder pflegende Angehörige zu bezahlen.

Was wie lange dauern darf, das legen die so genannten Zeitorientierungswerte in den Begutachtungsrichtlinien für den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MdK) fest. Ein bis drei Minuten fürs Kämmen, das Duschen soll nach 15 bis 20 Minuten erledigt sein.

Diese Zeitorientierungswerte seien Erfahrungswerte aus der Begutachtung, die seit Ende der 1990er-Jahre als Instrument dienen sollen, um eine Grundlage für einen einheitliche Begutachtung zu schaffen. „Doch was zählt, ist die individuelle Begutachtung. Es gibt kein pauschales Vorgehen“, sagt Bernhard Fleer, Fachberater im Team Pflege beim Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS).

Die Gutachter haben laut Fleer die Möglichkeit von den Zeitorientierungswerten abzuweichen, wenn sie das begründen können.

„Wenn jemand an Demenz erkrankt ist und zum Beispiel beim Waschen immer aufsteht, dann muss das auch berücksichtigt werden“, sagt Fleer. Ihm sei bewusst, dass die Zeitorientierungswerte immer wieder kontrovers diskutiert werden.

Bei diesen Werten sei laut Fleer zum Beispiel auch nicht vorgegeben, wie häufig eine Hilfestellung am Tag benötigt werde. Das seien sehr individuelle Faktoren. „Wir sehen das Messen von Pflege in Minuten auch kritisch“, sagt Bernhard Fleer.

Neuer Begriff

Abhilfe könnte die Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff schaffen, wie er im Koalitionsvertrag vorgesehen ist, sagt Fleer. Demnach würde nicht mehr in Zeiteinheiten gerechnet, sondern danach beurteilt, welche Tätigkeiten der Betroffene noch selbst erledigen kann und wobei er Unterstützung benötigt. Außerdem sollen laut Fleer aus drei Pflegestufen fünf Pflegegrade werden. (kam)

Quelle: HNA

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