Melsunger Altbürgermeister erinnert sich an die ersten Tage nach der Grenzöffnung

Plötzlich roch es anders

Kaum zu glauben - die Mauer ist offen: So berichtete die Melsunger Allgemeine am Wochenende, als die DDR-Bürger kamen. Repro:  asz

Melsungen. An jenem ersten Wochenende nach der innerdeutschen Grenzöffnung vor 20 Jahren, am 11. und 12. November 1989, roch es in Melsungen plötzlich anders, und fremdartige Geräusche drangen an die Ohren der Melsunger: Heerscharen von Trabant-Wägelchen mit ihren Zweitaktmotoren stießen hellgraue Wolken aus und töffelten durch die Bartenwetzerstadt. Eins ihrer Ziele: das städtische Ordnungsamt, wo es das Begrüßungsgeld gab. 120 DM gab es als Willkommensgruß.

Das Geld wurde schnell wieder ausgegeben, erinnert sich Dr. Ehrhart Appell, der damals Bürgermeister war: „Bananen und Kaffee waren heiß begehrt.“ Doch immer mehr Thüringer kamen, belagerten sowohl am Samstag als auch am Sonntag schon ab 9 Uhr das Ordnungsamt. Doch irgendwann war Ebbe in der Kasse. „Mit so einem Ansturm hatten wir nicht gerechnet“, erzählt der Altbürgermeister.

Kein Geld mehr? An einem Wochenende? Bei der Post erhielt die Stadt 1500 DM als Soforthilfe. Doch auch das reichte nicht. Da die Supermärkte angesichts des ungewohnten Ansturms reichlich Geld in der Kasse hatten, half Kaufmann Karl Reinbold „mit einigen tausend D-Mark“ aus. Und nahm, vermutet Appell, viel von dem ausgeliehenen Geld gleich wieder ein.

Der Versuch, bei der Kreissparkasse ein paar Mark locker zu machen, schlug fehl, da Sparkassenchef Herbert Gießler allein nicht an den Tresor kam. Appell: „Auch bei dem anderen Banken hatten wir keinen Erfolg, aber wir haben aus dem Chaos des ersten Wochenendes gelernt und waren für das darauffolgende noch besser gerüstet.“

Immerhin hatte die Melsunger Verwaltung, wie aus der HNA vom 17. November 1989 hervorgeht, 303 Menschen aus der DDR am ersten Wochenende mit Begrüßungsgeld ausgestattet, hatte ihnen am Wochenende darauf einen Besuch im Hallenbad und eine Stadtführung angeboten - kostenlos natürlich. Auch der Stadtbus fuhr für sie gratis. Begehrt waren auch die Informationsbroschüren, Kacheln und Aufkleber - das ganze garniert mit einem Schreiben des Bürgermeisters an die „lieben Besucher aus der DDR“.

Doch längst nicht alles drehte sich um Geld, um Bananen und Kaffee und einfach mal darum, den angeblich Goldenen Westen mit eigenen Augen zu sehen. Auch die zwischenmenschlichen Kontakte lagen dem Stadtoberhaupt am Herzen. „Ich habe die Bevölkerung aufgerufen, sich um die Gäste zu kümmern“, sagt Appell und freut sich noch heute darüber, dass etliche Melsunger die Menschen von jenseits der Grenze ganz spontan zum Kaffee eingeladen hatten.

Kurze Zeit später lagen imRathaus Listen aus, in denen sich Melsunger eintrugen, die Interesse an einer Familie aus Bad Liebenstein hatten. Denn die Kurstadt hatten die Melsunger schon 1989 für eine Stadtfreundschaft auserkoren, nachdem jahrelange Versuche, mit Schmalkalden Kontakt zu knüpfen, an der DDR-Regierung gescheitert waren.

Viele private Freundschaften entwickelten sich, es ging hinüber in die Noch-DDR, und die neuen Freunde kamen nach Melsungen. So wurden auch die „Wessis“ mit dem Zweitaktergeruch und dem Geknatter der Trabis und Wartburgs allmählich vertraut.

Von brigitte Müller-Neumann

Quelle: HNA

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