Berliner Kabarettist Hans-Eckardt Wenzel zu Gast in Felsberg

Poet mit Sendungsbewusstsein

Begeisterte sein Felsberger Publikum: Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel. Foto: Brandau

Felsberg. Wer ein Herz für Liedermacher und Kabarett hat, wollte ihn nicht verpassen: Hans-Eckardt Wenzel aus Berlin, der am Freitagabend Besucher aus ganz Nordhessen in den Felsberger Ratskeller lockte. Als besten Liedermacher der ehemaligen DDR bezeichnete ihn Veranstalter Klaus Döll und begrüßte ihn zum zweiten Mal im Felsburg-Theater innerhalb der Reihe Gemeinsam lachen.

Das Lachen blieb dem aufmerksamen Zuhörer allerdings bei mancher Textpassage im Halse stecken. Waren die überwiegend in Moll vertonten Melodien auch gefällig, Wenzels rauchige Stimme warm und wohltönend, schoss er mit scharfsinnigen Texten Pfeile in das Bewusstsein der vereinten Deutschen. Den Polit-Poeten mit Sendungsbewusstsein und Ästheten mit Hochschulabschluss verbindet große Seelenverwandtschaft zu Hannes Wader oder Franz-Josef Degenhardt. Am Klavier, mit der Gitarre oder dem Akkordeon begleitet er seine Lieder und führt die Zuhörer auf die Promenade von Heringsdorf (oder sagte er Heringsdoof?), in die Enge und hinter die Zäune der Kleinstadt, aus der er selbst einst „zum Leben abgehauen“ ist. Er philosophiert über die „Entscheidungen, die man für sich selbst ausmachen muss“, frönt der allgemeinen Leidenschaft des Dankens in einem Dankchoral mit unübersehbar vielen Strophen und sinniert über das „Halbe“ und „immer nur die Mitte“ im Lied vom Teilen.

Jedes Wort sitzt, sticht wie eine spitze Nadel. Worte fügen sich zu Stilleben zusammen, die „ach, diese schöne Welt“ wie im Foto festhalten, gäbe es da nicht hässliche Störelemente. In einer Collage aus Wut und Weisheit deutet er fragend auf Leihmutterschaft, sexuelle Übergriffe durch Priester oder Menschlichkeit entfesselnde Eisbärenkinder und begleitet sie mit hohlen Quinten auf dem Klavier.

Übergänge moderiert er mit autobiografischen Anekdoten, untermalt von stimmungsangepasster Instrumentalbegleitung. Sie zeigen, dass er lebt, was er sagt und singt. Wenzels Blick richtet sich unverwandt ins Publikum und meint: „Es betrifft euch!“ Man kann sich seiner Musik, seinen Worten und seiner Ausstrahlung nicht entziehen. Die Lebenserfahrung ist ihm ins Gesicht geschrieben, Provokation und Schalk blitzen aus den Augen.

Technik defekt

Wie gut, dass die Technik wegen eines Defekts ausgeschaltet werden musste. So wirkte Wenzel noch näher, direkter, authentischer. Ebenso nachsichtig wie scharfzüngig arbeitet er an der deutschen Identität. Seine Lieder sind zum Versinken und Verweilen, zum Aufschrecken und Aufbegehren. Ob im Stil russischer Volkslieder, als Musettewalzer oder Tango, Wenzel nimmt sein Publikum mit auf eine „Reise zu verlorenen Orten und gewonnenen Einsichten“, die er vorsichtig optimistisch und kompromissbereit anerkennt: „Diese Welt ist die beste – wir haben keine andere!“

Von Karin Brandau

Quelle: HNA

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