Lübcke-Prozess

„Gequirlter Unsinn“: Eklat zwischen den Verteidigern von Stephan Ernst - Anwalt abberufen

Erbost über seinen Kollegen Frank Hannig: Mustafa Kaplan, zweiter Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst, stellte den Antrag zur Entpflichtung.
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Erbost über seinen Kollegen Frank Hannig: Mustafa Kaplan, zweiter Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst, stellte den Antrag zur Entpflichtung.

Eklat im Lübcke-Prozess: Zwischen den Verteidigern von Stephan Ernst kommt es zu einem offenen Konflikt. Nun wurde ein Anwalt abberufen.

  • Frankfurt*: Offener Konflikt zwischen Ernsts Verteidigern
  • Verteidiger Mustafa Kaplan reagiert erbost
  • Anwalt abberufen

Update vom Dienstag, 28.07.2020, 14.02 Uhr: Frank Hanning, einer der zwei Verteidiger von Stephan Ernst, ist abgerufen worden. Das gab das Oberlandesgericht am Dienstag (28.07.2020) bekannt. Das Vertrauensverhältnis zwischen Ernst und Hannig* sei aus nachvollziehbaren Gründen zerrüttet, so das Gericht.

Erstmeldung vom Dienstag, 28.07.2020, 13.21 Uhr: Offener Konflikt zwischen den Verteidigern von Stephan Ernst im Lübcke-Prozess: Einer der Anwälte, Frank Hannig, beantrage ohne Absprache mit dem Angeklagten, dass sich das Gericht mit Windkraft- und Solarkraftgeschäften der Familie Lübcke beschäftigen solle, um auf diesem Feld ein mögliches Tatmotiv zu finden.

Ernsts anderer Verteidiger, Mustafa Kaplan, reagierte erbost. „Mein Mandant hat kein Interesse daran, dass der Getötete und seine Söhne dermaßen mit Dreck beworfen werden“, sagte er. Kaplan beantragte mit Zustimmung seines Mandanten Ernst, den zweiten Pflichtverteidiger Hannig von seiner Aufgabe zu entbinden. Das Vertrauen zu dem Pflichtverteidiger sei „auf Dauer zerstört“, so Kaplans Begründung.

Anwalt von Ernst stellt Antrag zur Entpflichtung

Über den Antrag des Anwalts war bei Redaktionsschluss vom Gericht noch nicht entschieden worden. Der Kasseler Neonazi Stephan Ernst ist angeklagt, am späten Abend des 1. Juni 2019 den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke auf dessen Terrasse in Wolfhagen-Istha erschossen zu haben. Der Mitangeklagte Markus H., der ebenfalls der rechtsextremen Szene zuzuordnen ist, soll ihm dabei geholfen haben.

Der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel reagierte ungehalten auf die Anträge Hannigs, der außerdem den Verdacht ausgesprochen hatte, zwei Arbeitskollegen von Ernst könnten mit der Tat zu tun haben. Dessen Anträge seien „gequirlter Unsinn“. Es gebe nicht den geringsten Anhaltspunkt, dass die Anträge bei der Aufklärung des Verbrechens weiterhelfen. Er müsse sich „ernsthaft Gedanken machen, ob hier eine wirksame Verteidigung stattfindet“, fügte Sagebiel hinzu.

Anwalt von Ernst rechtfertigt sein Vorgehen

Hannig rechtfertigte sein Vorgehen. Der Anwalt glaube nicht daran, dass Stephan Ernst mehrere Jahre nach einer Rede Lübckes, die ihn aufgebracht hatte, zu dessen Haus gefahren und ihn getötet haben solle. Daher suche er nach möglichen anderen Tatmotiven, erläuterte Hannig. Dabei könne es nach seiner Auffassung aufschlussreich sein, sich mit den Windkraftgeschäften zu befassen. Zum Ausgangspunkt nahm er dabei einen Einbruch im Regierungspräsidium, bei dem nach seinen Angaben Unterlagen zu Windkraftgeschäften gestohlen worden sein könnten.

Nach einer kurzen Pause zog Anwalt Hannig seine Anträge zwar zurück, doch damit war der Konflikt nicht ausgestanden. Ernst wolle die Entpflichtung seines bisherigen Pflichtverteidigers beantragen, weil er mit dessen Verteidigungsstrategie „überhaupt nicht einverstanden sei“, sagte Kaplan. Einen Seitenhieb auf den juristischen Kollegen, der in seinem eigenen Youtube-Kanal den Prozess kommentiert, konnte sich Kaplan dabei nicht verkneifen.

Anwalt: Vertrauensverhältnis zu Ernst sei nicht gestört

Sein Vertrauensverhältnis zu Ernst sei nicht gestört, sagte Hannig. Noch am Morgen habe er eine Stunde lang mit seinem Mandanten gesprochen, ohne dass dieser eine Entpflichtung ins Spiel gebracht habe. Vor Gericht vorgespielt wurde ein Video, das Hannig auf Youtube hochgeladen hatte und in dem er über den Prozess berichtet. Darin sagt er: „Wir haben die wirkliche Wahrheit noch nicht gehört, die wird kommen.“ Die Verteidiger des Mitangeklagten Markus H. werteten dies als Hinweis darauf, „dass der Angeklagte Ernst dazu neigt, nicht die Wahrheit zu sagen“, wie es Anwältin Nicole Schneiders formulierte.

Ernst rückte während der restlichen Verhandlung am Montag (27. Juli) buchstäblich von seinem bisherigen Pflichtverteidiger ab. Immer wieder flüsterte er mit Kaplan, saß unmittelbar neben dem Kölner Anwalt, getrennt nur durch die wegen der Coronamaßnahmen errichteten Plexiglasscheibe. Auf Hannigs Kontaktversuche reagierte er sichtlich abweisend. (Pitt Von Bebenburg mit dpa) *fr.de und fnp.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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