Hans-Hermann Kleem: Jugendheim Beiserhaus gab gute Startbedingungen

Ex-Leiter des Jugendheims Beiserhaus: Berichte über angebliche Gewalt falsch

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Die Redakteure Claudia Brandau und Heinz Rohde mit dem ehemaligen Direktor des Beiserhauses, Hans-Hermann Kleem (vorne rechts) sowie seinem Nachfolger Harald Recke.

Rengshausen. Vier Jahrzehnte war Hans-Hermann Kleem im Beiserhaus Rengshausen beschäftigt, knapp 30 Jahre leitete er es. Seit 1998 ist er im Ruhestand. Im Redaktionsgespräch nimmt Kleem zusammen Stellung: Zwei ehemalige Bewohner hatten über die Gewalt geklagt, die in den 60er- und 70er-Jahren in der Jugendhilfeeinrichtung geherrscht haben soll.

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Kinder mussten gehorchen

Als Hans-Hermann Kleem 1960 seine Arbeit im Rengshäuser Beiserhaus aufnahm, galt das Jugendheim als eine Adresse für die ganz harten Fälle. Junge Bewohner, die versuchten, aus der geschlossenen Einrichtung zu fliehen, wurden kahl geschoren, in Sträflingskleider gesteckt und mit Holzpantinen versehen. All das machte eine Flucht unmöglich.

Der 23-jährige Kleem hatte gerade die Erzieherschule in Hephata absolviert und damit einen für damalige Verhältnisse seltenen Beruf ergriffen: Erzieher gab es im ganzen Land nur wenige. Der Berufsanfänger war bei Dienstantritt schockiert über die Methoden im Beiserhaus, die häufig noch aus des Kaisers Zeiten stammten. Die Jugendlichen sollten zu Leistung, Unterordnung, Gehorsam und Mitmenschlichkeit erzogen werden. „Die damalige Jugendfürsorge hatte ganz andere Werte und Vorstellungen als heute“, sagt Kleem.

Vor allem die Vorstellung, dass der Staat derart massiv in die Familie eingreifen darf. Doch Kinder aus Scheidungsfamilien waren in jenen Jahren gesellschaftlich geächtet und trugen noch dazu ein großes Risiko, im Heim zu landen. Denn das sollte sie vor Verwahrlosung und Vernachlässigung schützen. „Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele Familien zerrissen oder zerrüttet“, sagt Kleem. Für die Kinder jener Familien habe das oft Heimatlosigkeit und Orientierungslosigkeit bedeutet. „Solch schlimme Erfahrungen haben den Start ins Leben massiv erschwert.“ Im Beiserhaus habe man versucht, den Kindern zu helfen.

„Vielleicht waren die Methoden andere als heute: Aber wir haben aus dem damaligen Zeitgeist heraus unser Bestes gegeben“, betont Kleem. Wenn heute empört berichtet würde, dass damals Bettnässer auf saugfähigen Torfmatratzen schlafen mussten, so sei das doch mit guter Absicht geschehen: „Wir wollten die Kinder doch nicht in der eigenen Brühe liegen lassen. Und über die Ursachen, warum sie Bettnässer waren, wussten wir damals wenig.“

Gewalt war verboten

Gewalt als offizielles Mittel der Erziehung habe es im Beiserhaus nicht gegeben, betont Kleem. „Ich kann nicht ausschließen, dass jemand einen Klaps oder eine Ohrfeige erhalten hat, aber Prügel hat es – zumindest seit den 60er-Jahren – nicht gegeben. Wenn ein Jugendlicher wirklich sehr auffällig gewesen sei, habe er Karzerhaft oder eine Ausgangs- oder Urlaubssperre bekommen. 1973 wurde das Züchtigungsrecht gesetzlich abgeschafft und arbeitsvertraglich verboten.

Viele ehemalige Bewohner hätten ihre Zeit im Beiserhaus in guter Erinnerung: Kleem verweist auf die ungezählten positiven Rückmeldungen, die er erhalten habe. Die Vorwürfe, mit denen die Einrichtung vor kurzem konfrontiert war (siehe Textbox oben) weist deren ehemalige Leiter massiv zurück. „Die Berichte über die angebliche Gewalt in diesen Jahren sind schlichtweg falsch.“

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Quelle: HNA

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