Ab 2019 sollen Ärzte miteinander elektronisch vernetzt sein

Psychotherapeuten aus dem Schwalm-Eder-Kreis rufen zu Digital-Boykott auf

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Digitalisierung bietet Chancen, aber der Arbeitskreis Psychotherapie Schwalm-Eder sieht das kritisch. Vertrauliche Patientendaten gehören nicht ins Netz, so ihre Forderung. 

Das Bundesgesundheitsministerium will die Chancen der Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung stärken: Ab 2019 sollen laut Gesetz Ärzte, Krankenhäuser, Krankenkassen und Apotheken miteinander elektronisch vernetzt werden. Ziel ist es, medizinische Informationen schneller verfügbar zu machen.

Von der Digitalisierung sind auch die Psychologen betroffen. Der Arbeitskreis Psychotherapie Schwalm-Eder aber sieht die Digitalisierung kritisch: Er ruft zum Boykott des elektronischen Anschlusses durch die sogenannte „Telematik-Infrastruktur“ (TI) auf.

Diese Technik stellt eine Art Datenautobahn für das Gesundheitswesen dar. Das Bundesgesundheitsministerium bezeichnet sie als sicher, auch für die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat das Thema Datensicherheit „oberste Priorität.“

Gerade das aber zweifeln die Therapeutinnen Hildegard Huschka aus Borken und Claudia Reimer aus Frielendorf an. Die Vorstellung, dass vertrauliche Befunde, Diagnosen und Behandlungsberichte zentral gespeichert und von unkontrollierbar vielen Menschen gelesen werden könnten, finden sie beunruhigend. Medizinische und psychologische Daten gehörten keinesfalls ins Netz, so ihr Tenor.

Auch die Ärztegemeinschaft Doxs, ein Zusammenschluss von 200 Ärzten und Psychotherapeuten aus Nordhessen, sorgt sich ums Ärztegeheimnis: Zentral gespeicherte Daten seien keineswegs sicher, heißt es auf der Internetseite des Verbandes.

Doch ihre Weigerung, das neue System zu akzeptieren, soll Vertragsärzte teuer zu stehen kommen: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, ihre Honorare um ein Prozent zu kürzen. Hildegard Huschka aus Borken nimmt das gelassen in Kauf: Ihre Weigerung sei ein Versprechen an die Patienten, dass alle Gespräche vertraulich blieben.

Ärzte kämpfen mit Lieferengpässen

Alle deutschen Arztpraxen sollen bis 2019 an die Telematik–Infrastruktur (TI) angeschlossen sein. Das aber dürfte allein aus technischen Gründen schwierig werden: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) weist darauf hin, dass die Industrie die für den Anschluss nötigen Geräte gar nicht so schnell liefern kann. 

Bis Ende 2018 werden nach Angabe der KBV höchstens 50.000 der 150.000 Praxen im Land mit der nötigen Technik ausgestattet sein – so groß sind die Lieferengpässe für die so genannten Konnektoren. Die KBV fordert deshalb von Bundesgesundheitsminister Spahn eine Entfristung: „Mit ungerechtfertigten Drohungen gegen Ärzte lässt sich kein Vertrauen schaffen. Erst recht nicht, wenn diese keinen Einfluss darauf haben, wie viele Geräte verfügbar sind“, so Vorstand Thomas Kriedel auf der KBV-Internetseite.

Psychotherapeutinnen boykottieren gesetzliche Vorgabe

Hildegard Huschka gibt ihren Patienten ein klares Versprechen: Die Psychotherapeutin aus Borken will die Daten und Diagnosen aus ihrer Praxis nicht ins Netz stellen. Sie will den fürs kommende Jahr geplanten Anschluss an die Telematik-Infrastruktur boykottieren, genau wie ihre Kollegin Claudia Reimer aus Frielendorf. 

Die Vorstellung, dass diese vertraulichen und persönlichen Daten dann von allen Akteuren im Gesundheitswesen gelesen werden könnten, finden beide erschreckend. Denn die Liste der Menschen, die auf diese Informationen Zugriff haben könnten oder haben wollen, ist wohl lang – und eine große Unbekannte. Denn auf der Liste derer, denen diese Infos zur Verfügung stehen, befinden sich neben Medizinern und Arzthelferinnen auch Rehakliniken, Computerspezialisten, Versorgungsamt, Medizinischer Dienst. 

Wollen die Diagnosen ihrer Patienten nicht ins Netz stellen: Die Psychotherapeutinnen Claudia Reimer (links) aus Frielendorf und Hildegard Huschka aus Borken.

„Die Zahl derer, die Zugriff auf die Diagnosen haben werden, wird nicht zu kontrollieren sein. Noch dazu ist jedes System zu knacken“, sagt Claudia Reimer. Genau da sieht sie auch eine weitere Gefahr: Der Gesundheitsmarkt sei ein wachsender Wirtschaftssektor, die Gefahr des Datenmissbrauchs sei viel zu groß, um ein solches Experiment zu wagen. Für sie steht fest: Psychologische Daten gehören nicht ins Netz. 

Die Vorstellung, dass es eine Internet-Plattform geben könnte, auf der sich Arbeitgeber über den Gesundheitszustand ihrer Mitarbeiter informieren könnten, stellt für Claudia Reimer ein Horrorszenario dar. „Wenn psychologische Diagnosen wie zum Beispiel eine Depression öffentlich würden, wäre für viele Menschen ein Job auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum mehr möglich“, sagen Reimer und Huschka. 

Einer solchen Gefährdung wollen die beiden Therapeutinnen ihre Patienten keinesfalls aussetzen. Und sie wollen auch sich selbst nicht möglichen Regressforderungen aussetzen, falls ihre Daten und Diagnosen doch an anderer Stelle auftauchen. Außerdem: „Die Telematik bietet für die Arbeit in psychotherapeutischen Praxen keinerlei Nutzen“, sagt Hildegard Huschka. 

Aus all diesen Gründen unterstützen beide Fachfrauen den Boykott vieler Praxen, die sich nicht an der Telematik beteiligen wollen. Deren Zahl ist nicht zu unterschätzen: Die psychotherapeutischen Praxen stellen zur Zeit 20 Prozent der Kassenpraxen in Deutschland dar. Und was Hildegard Huschka und Claudia Reimer besonders ärgert: Die Art und Weise, wie die Telematik-Infrastruktur eingeführt werde – über die Köpfe der Beteiligten hinweg, ohne Wahlfreiheit und Mitbestimmung –, das widerspreche allen demokratischen Prinzipien. 

Kassenärztliche Vereinigung: "Telematik ist hochkomplexes Thema"

Die Telematik sei eine gesetzliche Vorgabe, sagt Petra Bendrich, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV). 

Eine, an die sich alle Akteure im medizinischen Bereich halten müssten. Praxisinhaber, die sich nicht an die vom Bundesgesundheitsministerium vorgegebene Struktur hielten, müssten mit Sanktionen rechnen. Die niedergelassenen Ärzte hätten den klaren Auftrag, sich der neuen Struktur anzuschließen. Doch dabei gibt es Probleme: Die Industrie kann die nötige Technik nicht so schnell liefern, wie sie gebraucht wird. 

Bundesgesundheitsminister Spahn habe zwar bereits die Frist bis Mitte kommenden Jahres verlängert, doch gehe es der KV darum zu verhindern, dass ihre Mitglieder schuldlos sanktioniert werden. Bedingung dafür ist, dass alle Arztpraxen bis zum Ende diesen Jahres die technische Erstausstattung bestellen. „Wir appellieren deshalb an alle Mitglieder, die Erstbestellung bis Jahresende vorzunehmen.“

Quelle: HNA

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