Quälereien und Hunger: Früherer Heimzögling erhebt Vorwürfe gegen Beiserhaus

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Gewalt prägte seinen Alltag: Erich Foth aus Günsterode hat seine Kindheit und Jugend in mehreren Heimen zugebracht.

Günsterode. Traurige Augen starren auf den Küchentisch. Erich Foth aus Melsungen-Günsterode hält sich an seiner Kaffeetasse fest, die Hände zittern. Er ist krank, psychisch am Ende. Der gelernte Maler und Lackierer ist 48 und bereits seit 13 Jahren Frührentner.

Richtig arbeiten hat er nie können. Das liege an seiner Vergangenheit als Heimkind, sagt er. Das Leben im Heim sei nämlich kein Spaziergang gewesen - „um es mal zu untertreiben“. Gewalt und Brutalität seien in diesen Einrichtungen damals völlig normal gewesen, sagt Foth. „Und das nicht nur nach dem Krieg, sondern noch bis Anfang der Achtzigerjahre.“ Jetzt wolle er seine Geschichte öffentlich erzählen, um mit dem Zurückliegenden abschließen zu können.

Erich Foths Kindheit, so sagt er selber, war die Hölle. Als Sohn einer Prostituierten, der Vater hatte sich aus dem Staub gemacht, verbrachte er die ersten fünf Jahre seines Lebens in einer abgedunkelten Gartenlaube irgendwo in Hamburg: „Bis dahin hatte ich das Sonnenlicht noch nie gesehen.“ Irgendwann bekam das Jugendamt Wind von der Sache, Foth und seine vier Geschwister wurden gerettet. Allerdings nur vermeintlich, denn nun geriet der Hanseat vom Regen in die Traufe - in die Obhut deutscher Kinderheime nämlich. „Ich war in Hamburg im Heim, in Schleswig-Holstein und von Ende der Siebziger bis Anfang der Achtziger im Beiserhaus im Knüll.“

Tägliche Grausamkeiten

 

Was ihn in den Anstalten erwartete, hatte der Junge sich in der Einsamkeit seiner Gartenlaube nicht ausmalen können. Schläge, Folter, Hunger und auch Missbrauch seien Alltag im Heim gewesen, berichtet Erich Foth. „Und gehörte dazu wie die Dusche.“

In den norddeutschen Heimen seien die Erzieher - oder besser: Aufseher - die Täter gewesen, sagt der Günsteröder. Das habe sich geändert, als er nach Rengshausen ins Beiserhaus gekommen sei: „Dort sind es die Jugendlichen selber gewesen, die anderen Insassen das Leben zerstörten.“

Aus Langeweile verprügelt

So sei er gleich am Tag seiner Aufnahme von einer Gruppe Jugendlicher besucht worden. „Die haben mich erst mal zusammengeschlagen - einfach aus Spaß und Langeweile.“ Die Aufseher hätten nichts gesehen, sagt er. So sei es allen Schwachen ergangen.

Auch im Speisesaal habe Faustrecht geherrscht: „Dort bekamen nur die Stärksten was und die ließen nichts übrig.“ Die Schwächeren, zu denen Foth damals gehörte, seien leer ausgegangen. Täglich.

Die Aufseher habe das nicht im geringsten interessiert. „Dann bin ich durch die Gärten und in den Einkaufsladen gegangen und hab’ mir was zu Essen geklaut“ sagt Erich Foth: „Für uns ging es ums pure Überleben.“ Einige seiner damaligen Mitzöglinge hätten sich im Lauf der Zeit umgebracht.

Für Erich Foth hatte das Martyrium irgendwann ein Ende. Kaum 18-jährig, sei er im Beiserhaus rausgeschmissen worden, erzählt er„Das Jugendamt hat mich von heute auf morgen auf die Straße gesetzt, weil ich mich über die Missstände im Heim beklagen wollte.“ Von da an ging es aufwärts für Foth. „Zwar wurde das Leben nicht einfacher“, sagt der Günsteröder. „Aber wenigstens war ich nicht mehr der täglichen Gewalt ausgesetzt.“

"Ich wollte was aus mir machen"

Erich Foth hat sie überstanden – die Gewalt, die früher in deutschen Kinderheimen regierte. Mit 18 Jahren kam er frei, wie er sagt, und hat an seinem Leben gearbeitet. „Ich wollte was aus mir machen“, erinnert sich Foth. „Aber das war gar nicht so leicht, wenn du aus dem Beiserhaus kamst.“ Die Heimkinder aus dem Knüll seien ziemlich verrufen gewesen.

Drei Menschen hätten ihm das Leben gerettet: seine Schwiegereltern und Ludwig-Georg Braun. „Meine Schwiegereltern haben mich aufgenommen wie ihren eigenen Sohn“, erzählt Foth. Und der Melsunger Unternehmer Braun habe dem gelernten Maler und Lackierer Arbeit gegeben. „Ohne die drei wäre ich schon lange tot“, sagt Foth mit Tränen in den Augen.

Heute ist der Mann mit der bewegten Vergangenheit selber Vater, sein Sohn mittlerweile 27 Jahre alt. „Ich habe ihn zwar hart erzogen, aber immer ohne Schläge“, sagt Foth. Denn was die aus einem Menschen machen können, weiß der Günsteröder nur zu gut. Bis heute leidet er unter den Traumata seier Heimkarriere. Diverse Psychotherapien konnten dem 48-Jährigen immer nur kurzzeitig Linderung verschaffen. „Ich habe durch die jahrelange Gewalt den Bezug zur Realität verloren – mein Arzt hat gesagt, ich habe autistische Züge“, erzählt Foth. Aufgegeben hat er nie. Erich Foth ist eine Kämpfernatur. „Und ich liebe das Leben, egal was ich erlebt habe.“

Direktor: Die Zeiten haben sich geändert

Jugendliche, die sich gegenseitig quälten und Aufseher, die wegschauten – zu diesen Vorwürfen des früheren Heimzöglings Erich Foth äußerte sich Direktor Harald Recke von der Stiftung Beiserhaus in Rengshausen auf Anfrage unserer Zeitung. ,„Ich kann nicht ausschließen, dass es das gegen Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger noch gegeben hat“, sagte Recke. „Allerdings war ich zu dieser Zeit noch Student und hatte mit dem Beiserhaus nichts zu tun.“ Seit 1998 leitet Harald Recke die Rengshäuser Einrichtung für Jugendhilfe, und er ist überzeugt: „Die Zeiten haben sich signifikant geändert.“

Damals, so Recke, waren gerade mal acht Erzieher für 120 Heimzöglinge zuständig. „Heute sind es 60 Pädagogen, die sich um dieselbe Anzahl Jugendlicher kümmern, das ist doch ein gewaltiger Unterschied.“ Überhaupt habe sich das Gesamtbild innerhalb der Jugendarbeit gewandelt. Von Gewalt gegen Heimzöglinge, die von Aufsehern oder Pädagogen ausgehe, könne schon lang nicht mehr gesprochen werden. Im Gegenteil: „Heute kommt es nicht selten vor, dass Jugendliche ihre Erzieher oder Lehrer angreifen“, sagte Recke. Das solle jedoch nichts beschönigen – nur verdeutlichen, dass der Zeitgeist sich ständig wandele.

Dabei ist Harald Recke nach eigenen Angaben immer offen für die Aufarbeitung der Vergangenheit – auch mit Erich Foth habe er lange gesprochen. „Wenn jemandem Unrecht geschehen ist, dann können wir darüber reden“, sagte Recke gegenüber der HNA. Er werde die Hilfestellungen anbieten, die er zu geben in der Lage ist, sagte der Direktor des Beiserhauses. „Das kann im Einzelfall einfach ein Gespräch sein, das den Betroffenen wenigstens Erleichterung verschafft.“(zbg)

Quelle: HNA

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