Um den Buchbestand der alten Dorfschule in Dorla ranken sich viele Fragen

Das Rätsel der Bibliothek

Vor dem kleinen Bücherschatz: Franz Lämmer vom Heimat- und Geschichtsverein präsentiert Lina Morgensterns prächtige „Monatsschrift für junge Mädchen“ von 1889. Foto: Szamborzki

Dorla. Sie haben vergilbte Seiten und einen altmodischen Ledereinband. Wenn man sie aufschlägt, knirscht es aus dem alten Rücken, und der Blick des Lesers fällt auf Texte in Fraktursatz. Die 130 Bücher der Bibliothek der alten Dorfschule in Dorla haben einige Jahre auf dem Buckel.

Doch bis man heute wieder einen Blick in die alten Bände werfen konnte, war viel Arbeit nötig, erinnert sich Franz Lämmer, Vorsitzender vom Heimat- und Geschichtsverein Dorla. „Mit Staubsaugern, Besen und Tüchern haben wir die Bücher vom Staub der letzten 40 Jahre befreit.“

Überraschungsfund im Keller

Bei der Renovierung des Dorfgemeinschaftshauses, des alten Schulgebäudes, seien die Bücher im Keller aufgetaucht. „Sonst ist nicht viel von der Dorfschule geblieben“, sagt Lämmer. Akten über ihre Ausstattung seien weder in Dorla noch im Fritzlarer oder Kasseler Archiv erhalten.

So bleiben viele Fragen rund um die Schulbibliothek offen. Wer wählte etwa die Titel aus? „Man erzählt sich, dass der Lehrer Gustav Hill ein Freund der Literatur war“, berichtet Lämmer. Steht deshalb eine Ausgabe der Novellen von Nobelpreisträger Paul Heyse von 1882 neben Fritjof Nansens „Eskimoleben“ von 1891? Warum teilt sich ein Klassensatz Krippenspiele das Regal mit Werken der in Vergessenheit geratenen Volks- und Heimatdichter Heinrich Sohnrey und Peter Rosegger? Gab es noch andere Bücher?

„In Volksschulen war das Buch nicht angesagt“, erklärt Dr. Mathias Rösch vom Schulmuseum in Nürnberg. Die Lehrer hätten die Bibliothek zur eigenen Weiterbildung genutzt. Im Unterricht habe man selten damit gearbeitet.

Viele Schulbibliotheken seien im 18. und frühen 19. Jahrhundert gegründet worden, sagt Rösch. Nur Einzelfälle seien dokumentiert. Umfassende Studien gibt es darüber nicht. Fest steht zumindest, dass Gymnasien einen breiten Bestand besaßen, während sich die Bibliotheken in Volksschulen meist auf Romane und Erbauungsliteratur beschränkten. Das scheint auch in Dorla der Fall gewesen zu sein: Sachbücher finden sich hier nicht. Dafür tragen viele Bücher einen Stempel der „Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung, Berlin“. Dieser Verein versuchte vor dem 1. Weltkrieg, den Bildungsstand der Bevölkerung mit Vortragsreihen und der Einrichtung von Volksbibliotheken zu heben – offenbar auch in Dorla. ARTIKEL RECHTS/ HINTERGRUND

Von Friederike Szamborzki

Quelle: HNA

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