„Rechte mal rechts liegen lassen“

Forscher Matthias Quent im Interview: Viele Ostdeutsche wählen AfD aus Überzeugung

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Das Gesicht der AfD in Brandenburg: Spitzenkandidat Andreas Kalbitz, hier am Abend der Landtagswahl am 1. September, pflegt Kontakte in die rechtsextreme Szene. Für viele junge Menschen in Ostdeutschland sei das aber nicht abschreckend, sondern Teil der Normalität, sagt Soziologe Matthias Quent.

Bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen holte die AfD bei jungen Menschen um die 20 Prozent. Das sagt Rechtsextremismusforscher Matthias Quent dazu.

Dieser Erfolg liegt zwar auch an Strukturen im Osten, ist aber kein rein ostdeutsches Phänomen, sagt der Rechtsextremismusforscher Dr. Matthias Quent. Wir haben mit ihm gesprochen.

Die 18- bis 24-Jährigen in Ostdeutschland haben die Wende nicht selbst erlebt, wählen aber die AfD, die als Protestpartei gilt. Wie erklären Sie das?

Zum einen hat die Annahme, dass Stimmen für die AfD eine reine Protestwahl sind oder ausschließlich durch die Wendeerfahrung determiniert, nie gestimmt. Sonst wäre ja nicht zu erklären, warum die AfD in westdeutschen Bundesländern und in Regionen ohne schwere Transformationsverluste ebenfalls zwischen zehn und 15 und in manchen Regionen auch 30 Prozent bekommt.

Wie erklären Sie dann die Erfolge der AfD im Osten?

Es ist eher so, dass der Osten Deutschlands aufgrund der Umbruchsituation, aufgrund von enttäuschten Erwartungen nach der Vereinigung und vor allem aufgrund einer fehlenden Verankerung einer liberalen politischen Kultur besonders anfällig ist für antiliberales Denken.

Aber bei den jungen Ostdeutschen können Erfahrungen aus der Wendezeit nicht ausschlaggebend sein.

Das ist nicht auf Generationen beschränkt. Kränkungen, Enttäuschungen und Selbstbilder werden intergenerationell weitergegeben an junge Menschen, die die Entwicklung ihrer Eltern miterlebt haben, die es berichtet bekommen. Es gibt auch andere Formen von Anspruchsdenken, die weitergegeben werden und im Zuge von Liberalisierung und Globalisierung an Bedeutung verlieren – etwa männliches und nationalistisches. 

Zum Teil gibt es auch eine Verselbstständigung von „ostdeutschen Erzählungen“, insbesondere in rechten Jugendsubkulturen, die schon seit 1990 und auch davor in Ostdeutschland stark strukturiert sind. Man ist stolz auf die Stärke der radikalen Rechten und auf die Dominanz in einigen Regionen.

Wieso stolz?

Rechtsradikale erzählen den Ostdeutschen, dass sie die „echten Deutschen“ seien, weil sie nicht so stark durch die liberale westliche Kultur, durch die amerikanische Kultur, geprägt wurden. Das ist ein Bild, das rechtsradikale Medien und manche AfD-Politiker den Ostdeutschen vermitteln: Die Ostdeutschen sind nicht so „manipuliert“ wie die im Westen.

Sie ließen sich von der DDR nicht betrügen, sondern stürzten das System. Das ist eine Konstruktion der Ostdeutschen als revolutionäre, allerdings rückwärtsgewandte Avantgarde. Und das stößt durchaus auf ein Echo. Diese symbolische Aufladung verfängt bei Teilen der Gesellschaft.

Matthias Quent, Soziologe.

Warum verfängt eine antiliberale Tendenz in Regionen, die ein totalitäres Regime abgeworfen haben?

Wir haben es hier mit Ungleichzeitigkeiten zu tun. Vor 30 oder 40 Jahren gab es ähnliche Konflikte in der alten Bundesrepublik, insofern ist es in Ostdeutschland eine verspätete Entwicklung. Es gab hier kein vergleichbares 1968, keinen Kulturkampf darum, was es bedeutet, eine Zivilgesellschaft in einer Demokratie zu sein und die eigene Geschichte aufzuarbeiten.

Nach dem Fall der Mauer haben vor allem existenzsichernde Maßnahmen eine große Rolle gespielt. Die postmateriellen Fragen standen hinten an. Jetzt werden Konflikte ausgetragen, die in Wirklichkeit schon immer da waren, aber 2015/16 aufgebrochen sind. Man darf allerdings nicht vergessen, dass die NPD in Sachsen mit 9,2 Prozent schon 2009 im Landtag saß. Diese Kontinuitäten von rechtsradikalen Strukturen und Ideologien muss man berücksichtigen.

Das würde bedeuten, dass die AfD aus Überzeugung gewählt wird.

Es gibt viele Überzeugungswähler bei der AfD. Es gibt zu diesem Punkt viel Forschung, gerade in Ostdeutschland. Meine These ist, dass zwei Drittel der AfD-Wähler ideologisch hinter dem Autoritarismus, dem Rassismus und dem Antiliberalismus der Partei stehen.

In Hessen gibt es knallharte rechtsextreme Strukturen

Beim Thema Rechtsextremismus sind viele Westdeutsche empfindlich. Warum ist das in Ostdeutschland nicht so?

Also, ich sträube mich, die alten Bundesländer da reinzuwaschen, auch wenn das Problem dort weniger sichtbar ist. Man muss sagen, dass sich die westdeutsche Gesellschaft in Teilen damit beruhigt hat zu sagen: Das ist ein ostdeutsches Problem. 

Der Mord an Walter Lübcke, die Schüsse auf einen Eritreer in Wächtersbach, auch der Mord an Halit Yozgat in Kassel*, die rassistischen Ermittlungen der westdeutschen Polizei im NSU-Komplex - gerade in Hessen gibt es knallharte rechtsextreme Strukturen, wahrscheinlich nach Ostdeutschland die gefährlichsten. Nach meiner Beobachtung findet da aber keine große Selbstreflexion des Rechtsradikalismus als ein hessisches Problem statt. In Ostdeutschland wird genauer hingeschaut.

Sie haben kürzlich geäußert, dass für junge Menschen in Ostdeutschland Rechtsextremismus ein Teil der Normalität ist. Wie muss man sich das vorstellen?

Rechtsextremismus ist in Ostdeutschland seit den 90er-Jahren Teil der Gesellschaft. Er prägt Familien, Firmen, Stadtgesellschaften. Die ehemaligen Neonazis, die in den 90er-Jahren Schlagzeilen gemacht haben, denen gehören heute Firmen, sie haben Mitarbeiter, sie haben Familien – sie gehören zum Alltag, ohne dass sich ihre Ideologie geändert hat. So erschreckend das ist, aber Rechtsextremismus ist hier nichts Neues, er ist Teil der Normalität.

Wie sollen die anderen Parteien umgehen mit der AfD?

Ich glaube, dass es wichtig ist, rote Linien zu ziehen und zu markieren, was in einer liberalen Demokratie nicht verhandelbar ist, dass das Prinzip der Menschenwürde, die Gleichheits- und Freiheitsrechte, auch die Religionsfreiheit grundgesetzlich feststehen und deren Verbindlichkeit nichts ist, worüber man eine offene Debatte führen braucht. 

Ich halte es aber für naiv zu glauben, man könne alle AfD-Wähler erreichen. Ein Großteil von ihnen wählt, was sie wollen - eine rechtsradikale Partei, die ihrem Weltbild entspricht. Man sollte versuchen, dass diese Gruppe nicht größer wird. Ansonsten darf man Rechte auch mal rechts liegen lassen und wieder eigene politische Angebote für eine bessere Zukunft betonen.

Zur Person: Das ist Dr. Matthias Quent

Dr. Matthias Quent (33) ist Soziologe und Gründungsdirektor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft der Amadeu Antonio-Stiftung in Jena. Quent ist Thüringen aufgewachsen. Er hat in Jena und im britischen Leicester studiert. Seit 2012 war er mehrfach Gutachter für Untersuchungsausschüsse von Landtagen und Bundestag.

Quent, Matthias: Deutschland rechts außen. Piper-Verlag, 304 S., 18 Euro.

Von Tatjana Coerschulte

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