Telefonseelsorge: Vor allem zum Jahresende häufen sich die Anrufe

Reden gegen die Einsamkeit

Hilfe per Telefon: Bei der Zentrale der Telefonseelsorge schütten viele Menschen ihr Herz aus. Foto: Schachtschneider

Schwalm-Eder. Elfriede S. (Name von der Redaktion geändert) ist 80 Jahre alt und kam am 20. Dezember aus dem Krankenhaus. Ihr Mann ist vor zehn Monaten gestorben. Kinder hat sie nicht. Zu Weihnachten ist sie ganz allein. In ihrer großen Einsamkeit greift sie Heiligabend zum Telefonhörer und wählt die kostenlose Nummer der Telefonseelsorge.

Am anderen Ende der Leitung meldet sich die ruhige Stimme einer Frau. Die Anrufer müssen ihren Namen nicht nennen, das Gespräch ist vertraulich. Die 80 ehrenamtlichen Mitarbeiter des Kasseler Vereins sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Zuhören und zusammen einen Weg finden – das ist ihre Aufgabe, die nicht immer leicht ist. 21 000 Anrufe erreichen im Jahr die Zentrale.

Zu Weihnachten und zum Jahresende häufen sich die Anrufe, berichtet Gerd Haenisch, früherer Dekan des Kirchenkreises Kassel-Land und Vorsitzender der Telefonseelsorge Nordhessen. Wer seinen Partner verloren hat und das erste Mal alleine feiern soll, sowohl Weihnachten als auch Silvester, der habe Angst vor Weihnachten. Vor allem Männer, aber auch zunehmend mehr Frauen, griffen in ihrer Not zur Flasche.

Oft melden sich auch Menschen, die sich in großen Konflikten befinden: Wie der 17-jährige Sven (Name geändert). Seine Eltern streiten sich von morgens bis abends. Zu Weihnachten ist es besonders schlimm. Seine große Schwester wird deswegen nicht nach Hause kommen. Was soll er tun? Er möchte nicht wieder zwischen Mutter und Vater vermitteln müssen. „Wir Menschen müssten miteinander reden. Aber das können viele nicht mehr“, sagt Haenisch. An diesem Punkt setzt die Telefonseelsorge an, die vor 43 Jahren ins Leben gerufen wurde und von beiden großen Kirchen getragen wird.

In fünf Schichten arbeiten die Ehrenamtlichen rund um die Uhr. Die Helfer werden ein Jahr lang ausgebildet und erhalten während ihrer Tätigkeit professionelle Hilfe von Supervisoren.

Man müsse sich völlig auf den Anrufer konzentrieren und von den eigenen Anschauungen und Werten absehen, sagt Haenisch. „Das ist Tag für Tag die große Kunst.“

Kontakt: Kostenlose Anrufe unter 0800-111 01 11 oder 0800-111 02 22. Der Förderverein ist auf Spenden angewiesen: Evangelische Kreditgenossenschaft, Kontonummer 7250, Bankleitzahl: 520 604 10.

Von Beate Eder

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