Der Wald leidet

Drückjagden sollen helfen, die Rotwild-Population im Wald bei Bad Zwesten zu reduzieren

Rothirsche haben rund um Oberurff-Schiffelborn und Niederurff überhandgenommen. Nun sollen mehr Tiere getötet werden.
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Rothirsche haben rund um Oberurff-Schiffelborn und Niederurff überhandgenommen. Nun sollen mehr Tiere getötet werden.

Abgefressene Felder, verbissene junge Bäume und keine Chance auf Waldverjüngung – im Wald bei Bad Zwesten richten große Rudel von Rotwild immense Schäden an.

Bad Zwesten – Im Wald bei Oberurff-Schiffelborn und Niederurff richten große Rudel von Rotwild immense Schäden an. Bereits vor gut einem Jahr kritisierte Bio-Landwirt, Waldinteressent und Mitglied des Europaparlaments Martin Häusling den starken Anstieg der Rotwild-Population im Gebiet (HNA berichtete). Doch geändert hat sich seither nichts. Immer noch filmt Häusling regelmäßig, dass je nach Jahreszeit 30 bis 80 Tiere über sein Land laufen.

Ein Grund für die Zunahme der Wildbestände soll das Jagdverhalten des Jagdpächters Klaus Gill sein. „Es wird nicht genügend Wild abgeschossen“, sagt Häusling im HNA-Gespräch. Die Trophäenjagd, das vorrangige Schießen von Geweihträgern, sei wenig effektiv. Die Hirschbestände im Revier Gills hätten sich so im Laufe der Zeit drastisch erhöht. Im Bereich der Gemarkung Oberurff-Schiffelborn wurden laut Häusling Hirschrudel in der Größenordnung von 40 bis 70 Tieren als Standwild festgestellt.

Drückjagden sollen helfen, die Rotwild-Bestände im Kellerwald bei Bad Zwesten zu reduzieren

Häusling plädiert deshalb, verstärkt auf Drückjagden zu setzen anstatt wie bislang vor allem auf Ansitzjagden. Nur so könnten nennenswert mehr Tiere geschossen werden. 15 bis 20 Hirsche kämen derzeit pro 100 Hektar zusammen. Erträglich aber wären 1,5 so Häusling.

Er wünscht sich auch, dass künftig mehr Hirschkühe und auch mehr Wildschweine erlegt werden, um die Populationen zu reduzieren. Das komme nicht nur den Landwirten, sondern auch dem Wald selbst zugute. Die hohe Zahl an gesichteten Wildschäden setze dem ohnehin aufgrund des Borkenkäfers und einer mehrjährigen Trockenheit geschwächten Wald zu. „Es ist ein solches Ausmaß erreicht, dass der Wald eingeht.“ Die Verjüngung des Waldes sei in Gefahr. Unter den gegebenen Umständen werde die Aufforstung erschwert.

Zu viel Rotwild: Der Wald wird geschädigt und die Ernte vernichtet

„Es helfen keine Neuanpflanzungen, wenn sie gleich abgefressen werden“, so Häusling. „Wald geht vor Wild“, sagt er. „Das Vergattern der Bäumchen kann nicht das Ziel sein.“ Ebenso wenig wie das Einzäunen von Raps- und Getreidefeldern, um zu verhindern, dass sie abgefressen werden und die Ernte zerstört wird. „Wir haben auf dem Hof 140 Rinder zu versorgen“, sagt Häusling. In schlechten Jahren sei es schwierig, Futter zuzukaufen, wenn das eigene vom Wild gefressen wurde.

„Ich habe mir die von Martin Häusling geschilderten Umstände angesehen und kann den Verbiss und die Schäden bestätigen“, so Dieter Kraushaar, Erster Beigeordneter in Bad Zwesten. Man könne die Route des Rudels Rotwild durch den Kellerwald nachvollziehen: Die neuen Douglasien seien angefressen. Jagdpächter Klaus Gill äußerte sich auf HNA-Anfrage nicht zur Problematik.

Runder Tisch: Es soll mehr Rotwild in den Jagdbezirken bei Bad Zwesten erlegt werden

Damit sich die Lage rund um Oberurff-Schiffelborn und Niederurff entspannt, gab es im Dezember einen Runden Tisch. Dazu eingeladen hatte Bad Zwestens Bürgermeister Michael Köhler.

Beteiligt waren für die Untere Jagdbehörde der Erste Beigeordnete des Schwalm-Eder-Kreises, Jürgen Kaufmann, betroffene Waldeigentümer, Landwirte und einige Jagdausübungsberechtigte. Sie beschlossen folgende Schritte: Im 5000 Hektar großen Bereich soll ein Gruppenabschuss erfolgen.

Da die Abschussquote bis Mitte Dezember für das Jagdjahr 2021 noch nicht zu 90 Prozent erfüllt war, seien weitere Abschüsse in allen Kellerwaldjagdbezirken (auch in den Jagdbezirken Niederurff und Oberurff-Schiffelborn) problemlos möglich. Zusätzlich könne der festgesetzten Gruppenabschuss im Rotwildgebiet um 30 Prozent überzogen werden.

Zu viel Rotwild im Wald bei Bad Zwesten: Drückjagd für 15. Januar 2022 geplant

Jagdpächter Klaus Gill habe für den heutigen Samstag eine Drückjagd für sein Revier angekündigt. Damit sie etwas bezweckt, sollen möglichst viele benachbarte Reviere daran teilnehmen. Im Herbst 2022 soll es, so wurde beschlossen, eine weitere Drückjagd geben.

Im Frühjahr wollen sich die Teilnehmer des Runden Tischs erneut treffen und beraten. „Das Ergebnis der ersten Runde ist verheißungsvoll, alle Beteiligten sind offenbar willens, sich zu engagieren“, so die Bilanz von Bürgermeister Michael Köhler nach dem ersten Runden Tisch.

Fragen und Antworten an die Untere Jagdbehörde des Landkreises

Nun soll der zu große Bestand an Rotwild im Kellerwald bei Bad Zwesten reduziert werden. Was bereits getan wurde und worauf es in Zukunft ankommt, haben wir bei der Unteren Jagdbehörde nachgefragt.

Beeinflusst das Jagdverhalten die Zunahme der Rotwild-Population?

„Da Herr Gill den Abschuss mehr auf das männliche Wild verlagert, ist es nur natürlich, dass sich die Bestände des Rotwildes erhöhen“, so Stefan Bürger, Sprecher des Landkreises auf HNA-Anfrage. Da jedes Alttier nur ein Kalb setze, komme es auf die Anzahl der Alttiere an, um von einer drastischen Erhöhung sprechen zu können.

Welche Vorgaben gibt es?

Für das Jagdjahr 2020 (1. April 2020 bis 31. März 2021) wurde laut Landkreis für den Bereich der Eigenjagdbezirke Oberurff-Schiffelborn und Niederurff ein Abschuss in Höhe von insgesamt mindestens 24 Stücken Rotwild angeordnet. In den beiden betroffenen Jagdbezirken wurden im Jagdjahr 2020 insgesamt 29 Hirsche erlegt. Für das Jagdjahr 2021 (1.4.2021 bis 31.3.2022) wurde für jeden der beiden Jagdbezirke die Erlegung von jeweils mindestens 24 Stücke Rotwild (12 weibliche und 12 männliche Tiere) angeordnet.

Die Frist zur Erlegung von Rotwild sei vom 31. Dezember auf den 31. Januar 22 verlängert worden, da für den heutigen Samstag eine größere Jagd geplant ist und dabei der restliche Abschuss (mindestens 23 Rothirsche) ansteht. Bisher wurden in beiden Eigenjagdbezirken lediglich 25 Stücke Rotwild erlegt.

Wie lassen sich die Rotwild-Bestände nachhaltig reduzieren?

Dafür sei der erhöhte Abschuss von Alt- und Schmaltieren (weibliche Tiere) erforderlich. „Der Abschuss von männlichem Rotwild trägt nicht zu einer anhaltenden Reduzierung der Rotwild-Bestände bei“, so Bürger.

Hierbei seien in erster Linie die Eigentümer beziehungsweise der Inhaber des Jagdrechts (in diesem Fall die Jagdgenossenschaft) gefragt. „Sollte der Jagdpächter den durch die Jagdbehörde angeordneten Abschuss nicht erfüllen, stellt dies einen Grund zur fristlosen Kündigung des Jagdpachtvertrages durch den Jagdrechtsinhaber dar“, so Bürger. (Christina Zapf)

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