Wie ein Schildbürgerstreich

Wegen unnötiger ICE-Einstiegshöhe hält hier keine Regiotram

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Erneut Verzögerung: Timo Riedemann, Ortsvorsteher Schwarzenberg, zeigt die Bahnsteighöhe von 76 Zentimetern an der geplanten Regiotram-Haltestelle. Für einen barrierefreien Zugang würden bei einer Regiotram nur 38 Zentimeter benötigt. 

Schwarzenberg. Regiotram und Cantus-Züge rauschen nach wie vor täglich am Melsunger Stadtteil Schwarzenberg vorbei - ohne zu halten. Das Ganze mutet wie ein Schildbürgerstreich an.

Und nach derzeitigem Stand werden sie das wohl auch noch weitere vier Jahre tun. Die seit vielen Jahren geplante Regiotram-Haltestelle sollte ursprünglich in diesem Jahr fertig sein, der Baubeginn verzögerte sich aber immer wieder.

Die neuerliche Verschiebung kommt für Schwarzenberg einem Schildbürgerstreich gleich. Das Bundesverkehrsministerium möchte sämtliche Bahnsteighöhen auf 76 Zentimeter anpassen – also auf ICE-Niveau. In Schwarzenberg halten natürlich keine ICE. Mit einer Bahnsteighöhe von 76 Zentimetern dürften jedoch keine Regiotrams halten. Diese benötigen für einen barrierefreien Zugang nur 38 Zentimeter.

Für die Haltestelle in Schwarzenberg würde also eine Ausnahmegenehmigung benötigt. „Die Regiotramzüge dürften dort gar nicht halten“, sagt Sabine Herms, Sprecherin des Nordhessischen Verkehrsverbundes (NVV). Aus Sicherheitsgründen sei an so hohen Bahnsteigen ein Halt verboten.

„Wir wollen die Haltestelle in Schwarzenberg und wir wollen auch weiterhin den Bahnsteig mit einer Höhe von 38 Zentimetern“, sagt Herms. Fast 100 Prozent der Fahrzeuge, die in Schwarzenberg halten sollen, benötigten diese niedrige Ein- und Ausstiegshöhe für die Barrierefreiheit.

Einzig einige wenige Cantuszüge würden noch in Schwarzenberg halten. Diese sind 55 Zentimeter hoch, die eigentliche deutsche Einstiegshöhe. Damit die längeren Cantuszüge halten können, muss in Schwarzenberg ein extra langer Bahnsteig gebaut werden.

Kritik am Vorschlag

Im Oktober habe es eine Bundesverkehrsministerkonferenz gegeben. Der Vorschlag von Alexander Dobrindt und seinem Ministerium sei dort kritisiert worden. Insbesondere auf den Regionalstrecken sei die 76er-Lösung unpraktikabel, sagt Herms. Das beträfe auch die anderen Bundesländer. Die politische Entwicklung sei derzeit aber noch offen.

„Wir können den Ortsbeirat und die Stadt Melsungen in den Bemühungen nur unterstützen. Bauherr ist die DB Netz AG“, sagt Sabine Herms. Alle Entscheidungen müssten dort getroffen werden.

Die Stellungnahme der DB Netz AG lag bis Redaktionsschluss noch nicht vor. Selbst wenn die Planungen abgeschlossen sind und die Ausnahmegenehmigung vorliegt, kann erst 2020 mit dem Bau begonnen werden. Herms erklärt wieso: „Bei der DB müssen drei Jahre im Voraus Streckensperren wegen Bauarbeiten angemeldet werden.“ Ein Problem könnte sein, dass die Bundesförderung an diese Einstiegshöhe gekoppelt wird. Der Bund stand mit einer Kostenübernahme von 85 Prozent in der Pflicht. Ohne diesen Zuschuss könnte das gesamte Bauvorhaben ins Wanken geraten. Die Baukosten betragen bis zu zwei Millionen Euro. Der städtische Anteil läge etwa bei 250.000 Euro. In einer früheren Version war vom städtischen Anteil von zwei Mio. Euro die Rede.

Quelle: HNA

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