Fotograf Wolf Lücking aus Berlin war 1956 für eine Fotodokumentation in die Schwalm – Er erinnert sich

Reise in bizarre Trachtenwelt

Prachtvoller Auftritt: Diese Brautjungfer lichtete Lücking in Holzburg ab. Sie trägt ihr Geschappel eng am Kopf anliegend. Fotos: Lücking

Schwalm. Es war Winter 1956, als der heutige Berliner Wolf Lücking für mehrere Monate unter den Schwälmern lebte, um seine Alltagsbeobachtungen in gut 1000 Fotos festzuhalten. Für ihn war es eine Reise in die bizarre Welt der Trachten, an die sich Lücking noch gerne erinnert.

Mit Mitte Zwanzig war der heute 79-Jährige von der Ostberliner Akademie der Wissenschaft beauftragt worden, für eine volkskundliche Buchreihe Bilder in unterschiedlichen Trachtengebieten zu schießen. In der Schwalm blieb er am längsten und kam immer wieder, um mit seiner Kamera immer tiefer in die für ihn faszinierenden Rituale der Region einzutauchen.

Pfarrer Metz vermittelte

Im Januar 1956 atmete Lücking, der damals noch in Münster lebte, zum ersten Mal die seinerzeit eiskalte Schwälmer Luft. Der Fotograf war in Holzburg mit Pfarrer Heinz Metz verabredet. Der Kontakt zu dem Geistlichen war ihm über die Berliner Akademie der Wissenschaft vermittelt worden.

Metz öffnete Lücking die Türen und Herzen der Schwälmer: „Bald hatte ich das Vertrauen der Menschen gewonnen. In anderen Trachtenregion, in denen ich fotografierte – zum Beispiel in Oberbayern – waren die Menschen spröder“, erinnert sich Lücking. So herzlich wie in der Schwalm sei er nirgendwo empfangen worden. Und in ihrer Pracht sei die Schwälmer Tracht kaum zu überbieten.

„Als sie nur noch in Hemdchen da standen, fragten sie mich: Sollen wir weiter machen?“

Wolf Lücking Über ein frivoles Experiment

Für ein paar Mark lebte Lücking bei der Schuhmacher-Familie Schröder in Holzburg zur Miete. „Herr Schröder fertigte Trachtenschuhe. Wir saßen oft in seiner Keller-Werkstatt: Er erzählte mir vom Krieg und schimpfte, wenn noch Mist an den Schuhen hing, die die Leute zur Reparatur brachten“, sagt Lücking.

Der damals junge Fotograf suchte seine Alltagsmotive neben Holzburg in Schrecksbach, Röllshausen und Schönberg. Gestellte Situationen versuchte er zu vermeiden, ihm ging es um den authentischen Blick. Ein Ansinnen, das vermittelt werden musste. Einmal sprach er Frauen auf dem Feld an, ob er sie in Arbeitstracht fotografieren dürfte. „Sie sagten zu mir: Können Sie nicht Sonntag wiederkommen, jetzt sind wir so dreckig.“

Lücking kam nah an die Menschen heran, einmal sogar bis in ihr Schlafzimmer. „In der Volkskunde gab es die Theorie, dass die Anzahl der getragenen Röcke etwas über den sozialen Stand der Familie aussagen“, erzählt Lücking. In einer Fotoreportage dokumentierte er also, in wie vielen Schichten die Frauen ihre Tracht tragen. Lage für Lage pellten sich zwei junge Frauen vor dem Objektiv.

Fotograf in Verlegenheit

Der Striptease nach Schwälmer Art brachte den Mann vor dem Sucher schließlich in Verlegenheit: „Als sie nur noch in Hemdchen da standen, fragten sie mich: Sollen wir weiter machen?“ Für die Frauen habe die Situation nichts Anstößiges gehabt, sie hätten nur der Aufklärung dienen wollen.

Hätte er noch einmal die Chance, würde Lücking seine Bilddokumentation über die Schwalm viel breiter anlegen. „Doch damals war das Geld so mager, dass ich die Filme zählen musste.“ Die ungemachten Aufnahmen trägt er aber bis heute in seinem Kopf.

Ausstellung „Nachbarn“, Dorfmuseum in Holzburg, bis 10. Oktober. Jeweils sonntags 14 bis 17 Uhr.

Von Bastian Ludwig

Quelle: HNA

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