Rezeptfreie "Pille danach": Sinnvoll gegen medizinisch fragwürdig

Ohne Rezept: Apotheker Alexander Schulze darf seinen Kunden seit dem 15. März die „Pille danach“ rezeptfrei verkaufen. Er arbeitet in der Wolfhager Apotheke in der Schützenstraße. Foto: Daher

Wolfhager Land. Die "Pille danach" gibt es schon lange - seit neustem aber rezeptfrei. Apotheker Alexander Schulze und Frauenarzt Dr. Werner Prinz haben unterschiedliche Meinungen darüber.

Schon häufiger standen Jugendliche am Wochenende nachts bei Apotheker Alexander Schulze vor der Ladentür. „Vor allem die mitgekommenen Jungs sehen oft bleich aus“, beschreibt er. Der Grund: Das Paar hatte Geschlechtsverkehr und jetzt Angst vor einer Schwangerschaft. Bisher kamen sie mit einem Rezept zu Schulze, ab sofort darf er das Medikament frei verkaufen - eine gute Entwicklung, wie der Apotheker findet.

„Es ist aufwendig, ein Rezept auszustellen. Meistens passiert es dann, wenn die Betroffenen zum Notdienst müssten. Und der ist häufig kein Frauenarzt“, erklärt Schulze. Durch die Rezeptfreiheit würde der Vorgang erleichtert.

Doch der Wolfhager ist auch verärgert: „In den Diskussionen werden die moralischen Bedenken immer von einem hohen Ross herunter geäußert.“ Die Personen, die die „Pille danach“ ablehnen, würden sich nicht in die Situationen der Frauen hineinversetzen, sondern sie einfach verurteilen.

Kein Leben wird getötet 

Außerdem werde fälschlich behauptet, dass durch die „Pille danach“ ein entstandenes Leben abgetrieben werde. „Das Medikament ist keine Abtreibungspille“, meint Schulze und fügt hinzu: „Sie verzögert den Eisprung und soll die Befruchtung verhindern. Wenn diese aber schon stattgefunden hat, ist die ,Pille danach‘ wirkungslos.“ So werde kein ungeborenes Leben getötet. Sie wirke sich auch nicht schädlich auf die Schwangerschaft oder das Baby aus.

Außerdem sehe Alexander Schulze keine anderen Alternativen, wenn die Frau das Kind nicht bekommen möchte: „Der Frauenarzt setzt eine Spirale, dabei wird die befruchtete Eizelle getötet.“

Nur für den Notfall 

Wenn eine Patientin zu Schulze in die Apotheke käme und die „Pille danach“ ohne Rezept haben möchte, müsse er ihr einige Fragen stellen. So hat er von der Bundesapothekerkammer (BAK) einen Fragenkatalog bekommen. „Ich frage beispielsweise, wann der Geschlechtsverkehr stattgefunden hat oder ob in diesem Zyklus bereit, die ,Pille danach‘ genommen wurde“, sagt Schulze. Das Medikament dürfe nur ein Mal in einem Periodenzyklus verabreicht werden. Nach Einnahme wirke auch die normale Pille für diese Zeit nicht mehr.

Es gebe zwei Pillen: Die eine könne bis zu drei, die andere bis zu fünf Tage nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Bisher ist aber nur die fünftägige rezeptfrei erhältlich und kostet 30 Euro. Übelkeit, Hitzewallungen und Bauchschmerzen könnten auftreten. „Ich glaube nicht, dass die Zahl ansteigen wird“, meint Schulze. Bisher seien es bei ihm Vereinzelte pro Jahr gewesen.

"Regelung ist medizinisch fragwürdig" 

Viele Jahre lang hat Frauenarzt Dr. Werner Prinz in Wolfhagen Rezepte für die „Pille danach“ unterschrieben. Ab sofort muss er das nicht mehr. Die Rezeptfreiheit stoße bei ihm auf Unverständnis, die Regelung sei „medizinisch fragwürdig“.

„Es gibt verschiedene Voraussetzungen, um das Medikament zu verabreichen“, beginnt der Frauenarzt zu erklären. So müsse festgestellt werden, wann die letzte Periode war, ob die Person trombosegefährdet ist und die Angaben zu dem Geschlechtsverkehr stimmen. Außerdem dürften Menschen, die an starkem Asthma leiden, die „Pille danach“ nicht einnehmen.

Viele Merkmale also, die mit der Betroffenen geklärt werden müssten. Ein Gespräch sei nötig, findet Prinz: „Bevor man ein Medikament herausgibt, muss man den Menschen kennenlernen, ebenso sein Gesundheitsbild.“ Das sei nach Prinz durch die Rezeptfreiheit der „Pille danach“ jetzt nicht mehr gewährleistet.

Nachkontrolle ist wichtig 

Fast einmal pro Wochenende hätte er vor dem 15. März Patientinnen wegen des Notfallmedikamentes in der Praxis gehabt. Aus seiner Erfahrung weiß er: „Es werden persönlich intime Frage gestellt. Das geht nicht einfach am Tresen.“

Außerdem sei eine Nachkontrolle wichtig. „Nach zwei bis vier Wochen kamen die Betroffenen noch mal hierher“, erklärt der Frauenarzt. Auch wenn der Apotheker einen Fragenkatalog der Bundesapothekerkammer habe, sei es nicht dasselbe.

Einen großen Anstieg der Nachfrage nach der „Pille danach“ sehe Prinz nicht. „In Großstädten gehen jetzt vielleicht eher Personen anonym in die Apotheke. In unserem ländlichen Raum wird das kaum so sein.“

Unklare Fragen bleiben 

Da die Rezeptfreiheit erst seit einer Woche gilt, bleiben bei dem erfahrenen Frauenarzt Fragen offen. So habe beispielsweise eine Frau, die bis zu 20 Jahre alt ist, die „Pille danach“ immer als Kassenrezept bekommen. Das bedeutet: Sie musste nichts zahlen. In der Apotheke kostet das Medikament bis zu 30 Euro. „Was soll ich als Frauenarzt machen, wenn die Person zu mir kommt und ein Kassenrezept möchte?“, fragt Werner Prinz unschlüssig.

Von Johanna Daher

Quelle: HNA

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