Uralter Taufstein der Görzhainer Kirche wiederentdeckt – Pfingstmontag Doppeltaufe nach Jahrhunderten

Schatz überdauerte Bildersturm

Lange vergessenes Schmuckstück: links der Taufstein vor der Aufarbeitung, ganz rechts Andreas Fink mit Metallgestalter Michael Possinger aus Guxhagen, in dessen Werkstatt Schale und Stein angepasst wurden. Die Arbeiten bezahlten die Görzhainer mit Kollekten und Spenden. Fotos: A. Fink/nh

Görzhain. Wenn Pfarrer Andreas Fink am Pfingstmontag zwei Kinder in der Görzhainer Kirche tauft, ist das nicht nur für ihn etwas ganz besonderes. Zum einen kommt es in dem 300-Seelen-Dorf nicht oft vor, dass gleich zwei Kinder zur Taufe gebracht werden. Zum anderen wird die Gemeinde wieder etwas in Gebrauch nehmen, das vor langer Zeit nicht mehr modern war und dann in Vergessenheit geriet: Der Taufstein der Kirche.

Der musste der Gemeinde zu Beginn des 17. Jahrhunderts als echte Fehlinvestition vorgekommen sein. 1605 führte Landgraf Moritz der Gelehrte in seinem Land sogenannte „Verbesserungspunkte“ ein und wollte damit das lutherisch geprägte Hessen im Sinne seiner eigenen reformierten Überzeugung umformen. Die Folge war ein Bildersturm, dem zahlreiche Bilder und Kunstgegenstände aus der Zeit vor der Reformation zum Opfer fielen - sei es, dass sie übermalt oder zerstört wurden, sei es, dass sie außerhalb der Kirchen zweckentfremdet wurden.

So wurden auch die Taufsteine aus den Kirchen entfernt und bei Taufen einfach eine Schale auf den Altartisch gestellt. So ist es auch heute noch vielerorts in der Region üblich, und so war es seither auch in Görzhain Brauch. Aber: Der Görzhainer Taufstein stammte gar nicht aus der „katholischen Zeit“.

Datierung um 1600

Dr. Götz Pfeiffer, Kunstreferent der evangelischen Landeskirche: „Der Taufstein gehört stilistisch zur Spätgotik. Dafür sprechen die gedreht angeordneten Kehlen und das spitzbogige Maßwerk. Von daher gehe ich davon aus, dass er erst in den Jahren 1580 bis 1600 hergestellt wurde.“ Genaueres weiß man nicht über die Geschichte des Taufsteins nach der Einführung der Verbesserungspunkte in Görzhain. Klar scheint nur zu sein, dass er den Görzhainern jener Zeit offensichtlich zu schade war, nach so kurzer Zeit gleich wieder ungenutzt zu bleiben. Pfarrer Fink: „Man kann nur Vermutungen anstellen, der Stein könnte als Opferstock oder auch als Stützpfeiler gedient haben.“ Jedenfalls habe er später lange vor dem Eingang der Kirche gestanden, belegt bereits durch eine Chronik aus dem 19. Jahrhundert.

Zuletzt fand er seinen Platz zwischen historischen Grabsteinen am Rand des Friedhofs. Die eine Seite des Beckenrandes war inzwischen weggebrochen und der Stein fand nicht mehr viel Beachtung - außer bei spielenden Kindern, die ihn gerne einmal als Sitzplatz benutzten.

Das änderte sich, als Kunstreferent Pfeiffer im März des Jahres nach Görzhain kam, um die Kunstgegenstände zu sichten und zu inventarisieren. Er entdeckte den Stein, erkannte dessen ursprüngliche Funktion - und war begeistert.

Gemeinde spendete

Auch die Kirchengemeinde freute sich, in Eigenleistung wurde der Sandstein gereinigt. Durch eine Halterung, die in das teilweise zerstörte Becken eingearbeitet wurde, ist es möglich, die knapp 200 Jahre alte Taufschale weiter zu benutzen. Die Kosten brachte zum einen die Gemeinde durch Kollekten und Spenden auf, zum anderen gab die Landeskirche einen Zuschuss.

Besondere Freude also diese Pfingsten, Andreas Fink: „Schließlich feiert ja die evangelische Kirche im Jahr 2011 das Jahr der Taufe. Was für ein tolles Geschenk, wenn wir mit Pfingsten den Geburtstag der Kirche feiern.“ Und sicher hofft nicht nur er, dass diesmal der Taufstein deutlich länger als 20 Jahre in seiner eigentlichen Funktion benutzt wird. (nh)

www.ekkw.de/ziegenhain

Von Sven Wollert

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare