Geschichte von der Front

100 Jahre Erster Weltkrieg: Schicksal des vergifteten Karl Haner

Starb im Lazarett: Karl Haner aus Ziegenhain. Repro: HNA  

Schwalmstadt. Am 17. Juli 1918 schrieb Karl Haner, der Vater von Otti Schwalm aus Ziegenhain, nach Hause, dass er seit dem 4. Juli an einer Gasvergiftung erkrankt sei.

Sein Zustand bessere sich aber täglich. Es war sein letzter Brief. Er befinde sich in einem Kriegslazarett in Frankreich, so schreibt er. In seinem Brief bat er noch um Geld und sechs bis acht Taschentücher.

Bald darauf kam folgende Nachricht an die Eltern: „Ich habe Ihren Sohn gekannt und habe ihn täglich besucht. Als ich hörte, dass er aus Ziegenhain war, freute ich mich, einem so nahen Landsmann gefällig zu sein. Ich bin aus Treysa und auch zufällig hier. Er war am feindlichen Gas erkrankt. Schmerzen hatte er nicht, auch ist er ruhig eingeschlafen ohne etwas von seinem Tod zu bemerken, da er 15 Minuten vorher benommen war. (…) Das Gas hatte sich hauptsächlich in seiner Lunge festgesetzt.“ Diese Zeilen hatte Fritz Strupp aus Treysa, Steingasse 19, am 26. Juli aufgesetzt.

Wieder wenige Tage später berichtete der evangelische Lazarett-Geistliche von der Beerdigung Karl Haners und erst am 17. August fand sein Vorgesetzter Zeit, die näheren Umstände mitzuteilen: Die Franzosen hätten die ganze Heeresstraße Montdidier - Compiegne „schwer vergast. Hierbei haben sämtliche dort befindlichen Leute Gas geschluckt. Karl begab sich nun gegen 11 Uhr in die 6. Batterie, um Mittagsbrot zu holen und erzählte hierbei von ihrer Vergasung, die schon um 5 Uhr früh stattgefunden hatte. In seiner Gutmütigkeit wollte Karl tatsächlich wieder zum Blinkstand gehen. Er wurde jedoch von dem Dienst tuenden Offizier hieran gehindert und sofort ins Lazarett abgeschoben.“

Wie traumatisierend solche Einschnitte in das Leben einer Familie sind, mag folgende kleine Notiz andeuten, die von Horst Gsänger aus Treysa stammt. Sein Großvater, Otto Abicht, musste Ende Mai 1918 infolge eines Kopfschusses sein Leben lassen. Er hinterließ Frau und vier Kinder. Die sechsjährige Berta, das jüngste Kind und Mutter von Horst Gsänger, habe bis zu ihrem Tode gewusst und immer wieder erzählt, welches Kleidchen sie anhatte, als der Briefträger auf das Feld kam, um der dort arbeitenden ahnungsvollen Mutter das Einschreiben auszuhändigen.

Von Bernd Lindenthal

Quelle: HNA

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