Zwei unzensierte Zeitzeugenberichte aus dem Stalag IX A sind erschienen

Schicksale bleiben lebendig

Chronisten zweier Kriegsgefangener: Zwei neue Broschüren für das Museum und Gedenkstätte Trutzhain haben Bert Beckmann (rechts) und Rigobert Guthmüller erarbeitet. Foto: Decker

Trutzhain. Bernd Beckmann und Rigobert Guthmüller heißen die Autoren der zwei neu erschienenen Broschüren in der Zeitzeugenreihe der Gedenkstätte und Museum Trutzhain. Bernd Beckmann begann sein ehrenamtliches Engagement im März 2003 mit der Organisation der Eröffnungsfeier des Museums. Der ehemalige Oberst begleitet regelmäßig Besuchergruppen durch das Gelände und ist im Planungsteam zur Entwicklung pädagogischer Konzepte.

Durch einen Zufall erhielt die Gedenkstätte das Tagebuch des neuseeländischen Kriegsgefangenen Robert D´Aroy Townsend, der die letzten Wochen vor der Befreiung im Stalag IX A verbrachte. Townsend schrieb vom 6. April 1943 bis zum 1. April 1945 seine Gedanken in ein Notizbuch. Seine Tochter folgte den Spuren ihres Vaters und besuchte mit dem Tagebuch Trutzhain. Sie überließ es der Gedenkstätte zum Kopieren. Beckmann übersetzte den englischen Text. „Das Besondere sind die emotionalen Berichte Townsends über sein Gefühlsleben während der Gefangenschaft“, berichtete der 72-Jährige. „Immer wieder erwähnt Townsend die lang erwarteten Pakete mit Lebensmitteln und Tabak vom Roten Kreuz, die bis kurz vor Kriegsende geliefert wurden“, erzählte Beckmann. „Ich fragte mich, wie diese logistische Meisterleistung bei den damaligen Verhältnissen möglich war.“

Beckmann recherchierte monatelang und reiste mehrmals ins Archiv des Außenministeriums nach Berlin. „Die Mitarbeiter dort waren sehr sachkundig und hilfsbereit“, so Beckmann.

Ergebnisse im Anhang

Er fand die Bestimmungen zur Versorgung der Kriegsgefangenen in den Genfer Konventionen und im Weltpostvertrag. Die ausführlichen Ergebnisse seiner Recherchen bilden den Anhang der Broschüre.

Rigobert Guthmann kümmert sich seit 2000 ehrenamtlich um die französische Korrespondenz der Gedenkarbeit und führt französische Besuchergruppen. 2008 besuchte ein französisches Ehepaar das Gelände in Trutzhain. In der Hand hielt der Mann ein verblichenes Heft seines verstorbenen Vaters Henri Beltran, der von 1940 bis 1945 als französischer Kriegsgefangener in dem Lager gelebt hatte. Der Sohn erzählte, das Heft sei ein langer Brief und damals in einem Wäschepaket aus dem Gefangenenlager geschmuggelt worden.

Der ehemalige Gymnasiallehrer für Französisch und Gesellschaftswissenschaften übersetzte den Brief, in dem Henri Beltran über die ersten 18 Monate seines Kriegsgefangenenseins berichtete. Beltran plante, diesen besonderen Brief nicht mit der Post zu senden, sondern ihn in seinem Wäschepaket zu verstecken. „Alle offiziellen Briefe wurden von den deutschen Übersetzern gelesen und zensiert“, berichtete Guthmann. „Beltran wollte jedoch seiner damaligen Verlobten und seinen Eltern wahrheitsgemäß berichten, wie es ihm im Stalag IX A tatsächlich erging“, so der 80-Jährige.

Der unzensierte Brief beschreibt das tägliche Leben des Gefangenen Henri Beltran. Rigobert Guthmann recherchierte zusätzliche Details, die sich in den Anmerkungen der Broschüre finden. Beide Broschüren sind in der Gedenkstätte und Museum Trutzhain erhältlich.

Von Christiane Decker

Quelle: HNA

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