HNA-Interview: Schulleiter Dieter Vaupel über 40 Jahre Lehrerberuf

„Schule hinkt hinterher“

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Hinterm Schreibtisch: Hier will Dieter Vaupel nicht mehr Zeit als nötig verbringen. Ihm ist wichtig, auch als Schulleiter noch zu unterrichten.

Felsberg . Dieter Vaupel ist seit 40 Jahren Lehrer. Im Interview spricht der Leiter der Drei-Burgen-Schule in Felsberg über versteckte Potenziale bei Schülern und den Überlebenskampf in großen Klassen. ´

Herr Dr. Vaupel, kommen Sie als Schulleiter überhaupt noch zum Unterrichten?

Vaupel: Ja, ich unterrichte Deutsch und Gesellschaftslehre in einer fünften Förderstufenklasse und in einer neunten Realschulklasse. Ich finde, Schulleiter sollten unterrichten, weil sie sonst die Anbindung verlieren. Ich kann mir nicht vorstellen, nur Verwaltung zu machen - ich möchte sehen, was die jungen Menschen heute bewegt.

Sie sind seit 40 Jahren Lehrer. Wenn Sie sich damals mit Ihren jungen Kollegen von heute vergleichen, was hat sich verändert?

Vaupel: Als ich 1973 als Lehrer angefangen habe, hatten ich und meine Kollegen ganz klare politische Ziele. Da waren wir sicherlich von den 68ern beeinflusst: Wir wollten was bewegen in den Schulen, etwas für die Unterprivilegierten tun. Das war eine richtige Aufbruchstimmung.

Und das ist heute nicht mehr so?

Vaupel: Nicht mehr in dem Maße. Natürlich gibt es noch immer engagierte junge Lehrer. Aber wir haben Schwierigkeiten, für die Mittelstufe Leute zu finden, die Lust haben, mit pubertierenden, pädagogisch anspruchsvollen Schülern zu arbeiten. Die meisten jungen Lehrer wollen heute lieber an Gymnasien unterrichten.

Ist Lehrer sein heute schwieriger als früher?

Vaupel: Die Anforderungen sind auf jeden Fall vielfältiger geworden. Unterrichten ist da nur noch eine Aufgabe neben vielen anderen, der bürokratische Aufwand ist größer geworden. Aber ich stimme nicht in das allgemeine Klagelied mit ein, dass früher alles besser war.

Was ist heute besser?

Vaupel: Die Klassengröße zum Beispiel. Ich habe mal eine Klasse mit 39 Schülern unterrichtet - da habe ich ganz schön ums Überleben gekämpft. So große Klassen gibt es heute nicht mehr.

Sind die Schüler dafür anstrengender als vor 40 Jahren?

Vaupel: Die Schüler von heute bringen ganz andere Fähigkeiten mit - zum Beispiel im Bereich Neue Medien. Das Problem ist, dass wir dieses Potenzial der Schüler oft nicht erkennen. Die Gesellschaft verändert sich, und die Schule hinkt hinterher.

Was können Lehrer tun, um nicht hinterher zu hinken?

Vaupel: Ich sage immer: Wir unterrichten keine Fächer, sondern Kinder und Jugendliche. Wir müssen individuell auf die Schüler eingehen und bei den Stärken ansetzen statt bei den Defiziten.

Von Judith Féaux de Lacroix

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Quelle: HNA

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