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Autobahn kommt ins Kino

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Bei der Premiere in München: Von links Regisseur und Kameramann Frank Marten Pfeffer, Moderator Ludwig Sporrer und Klaus Stern.
Bei der Premiere in München: Von links Regisseur und Kameramann Frank Marten Pfeffer, Moderator Ludwig Sporrer und Klaus Stern. © Dokfest München

Die durchgebaute A 49 wird die Schwalm und die Region stark verändern, davon ist der Regisseur Klaus Stern überzeugt. In seinem Film seien aber alle Sichtweisen abgebildet.

Schwalmstadt – „Im Kleinen Großes zeigen“, das ist der rote Faden im Filmwerk des gebürtigen Schwälmers Klaus Stern. Er vergisst nicht zu erwähnen, dass er „gelernter Briefträger“ sei. In Wiera befindet sich der elterliche Bauernhof, in Carl Bantzers berühmtem Gemälde „Abendmahl in einer hessischen Dorfkirche“ ist Sterns Ur-Ur-Großvater verewigt, der alte Kalbfleisch. Über 600 Jahre reiche seine Familiengeschichte in der Schwalm zurück, erzählt Klaus Stern nicht ohne Stolz. Er selbst wurde nach seinem Studium in Kassel, Wirtschaftspädagogik und Politik, nicht wie geplant Diplom-Handelslehrer, sondern Filmemacher.

Als solcher hat sich Stern mit Werken wie „Andreas Baader – Das Leben eines Staatsfeindes“ und natürlich „Versicherungsvertreter – Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker“ Renommee und viele Preise erarbeitet.

Der Schwälmer Klaus Stern stellt seinen neuen Film vor

„Die Autobahn – Kampf um die A 49“ ist der Titel eines abendfüllenden Dokumentarfilms des gebürtigen Schwalmstädters Klaus Stern. Das Werk feierte auf dem Dokfest München Premiere. Klaus Stern (53), renommierter und vielfach ausgezeichneter Filmemacher, bringt sein Werk damit wenige Wochen vor der Freigabe des Autobahnteilstücks Neuental-Schwalmstadt heraus. Ende 2024 soll der Verkehr auf der Fernstraße dann durchgängig rollen.

Klaus Stern Dokumentarfilmer
Klaus Stern Dokumentarfilmer © Oliver Kern

Stern, der auf seinem ersten Auto einen Anti-49-Aufkleber hatte, will dennoch keinen Film mit „erhobene Faust“ zeigen. Er sei zwar erklärter Gegner des Weiterbaus und sieht sich als persönlich Betroffenen, weil seine Familie viel Wald bei Schwalmstadt-Wiera abgegeben musste. Es sei aber selbstverständlich, dass alle Gruppierungen abgebildet werden. „Ich will Geschichte erzählen“, sagt Stern im HNA-Gespräch, „die Geschichte um das Ringen.“ Und dass er hofft, dass „sich jeder darin wiederfindet, Befürworter und Gegner“.

Raum für Kritiker und Befürworter

Im Film geht es um den erbitterten Widerstand im Dannenröder Forst (Vogelsbergkreis), zu Wort kommen aber auch Menschen mit sehr unterschiedlichen Positionen. So wie Klaus Hottmann (Neuental), der sich über Jahrzehnte gegen die A 49 einsetzte, und Andreas Stehl (Schwalmstadt), der vehement für die A 49 ist, weil er von der Entlastung vieler Dörfer überzeugt ist. Sie haben Stern auch zur Premiere nach München begleitet und werden mit den Filmemachern zusammen in Peter Ungers Burgtheater erzählen und diskutieren (heutiger Mittwoch, 11. Mai, und Dienstag, 17. Mai, je 20 Uhr).

Andreas Stehl Zeitzeuge
Andreas Stehl Zeitzeuge © Privat
Klaus Hottmann Zeitzeuge
Klaus Hottmann Zeitzeuge © Freie Mitarbeiter

Stern hofft, dass viele aus der Region kommen und sich „Die Autobahn“ ansehen. Dabei läuft der 86-Minuten-Film nicht nur in mehreren hessischen Kinos wie in Kassel, Wolfhagen und Alsfeld, sondern auch in Berlin und Köln. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte er dann auch bei Netflix gestreamt werden, fünf Filme von Klaus Stern waren oder sind bislang bei dem Streamingdienst verfügbar.

Für „Die Autobahn“ wurde an 60 Tagen gedreht, „ein ziemlicher Aufwand“, meint Stern lakonisch. Darin seien alle Emotionen eingearbeitet und alle kontroversen Meinungen. „Ich versuche objektiv zu sein, bin es aber sicher nicht“, sagt der 53-Jährige und leitet direkt zum hessischen Verkehrsminister Tarek Al-Wazir über, „der ist auch gegen die A 49, setzt sie aber durch“.

Ich versuche objektiv zu sein, bin es aber sicher nicht

Klaus Stern

Das Gebiet rund um das gewaltige A-49-Bauwerk Kälbachtalbrücke bei Wiera sei einmal ein Naturschutzgebiet gewesen, erzählt er dann. Und dass jeder 25. der gerodeten Bäume im Eigentum seiner Familie war. Der Bund habe nicht schlecht dafür bezahlt, Stern macht überhaupt keinen Hehl daraus. Fort ist auch der „Sandacker“, auf dem er als Junge wie alle anderen Sterns immer Kartoffeln gelesen hat. „Die Schwalm ist mithin eine Miniatur, mit der gezeigt werden kann, was Straßen mit der Gesellschaft machen“.

Stern nennt die Gemengelage, die der Film beschreibt, „super spannend und hochemotional“. Vom 17-jährigen Klimaaktivisten über Titus Schenck-Schweinsberg als einen der Kläger bis hin zu Bundesverkehrsminister Georg Leber (SPD) reicht das Spektrum. „Schorsch“ Leber war seit 1966 Mitglied im Kabinett Kiesinger und Schöpfer des legendären „Leber-Plans“, nach dem es von keinem Punkt in Deutschland weiter als 20 Kilometer sein sollte bis zu einer Autobahn.

Gespannt auf die Reaktionen

Am liebsten macht Klaus Stern „Filme über Menschen, die Großes wollen“. So wie den gebürtigen Kasseler Mehmet Göker, der dort 2003 das Unternehmen MEG für Maklergeschäfte gründete. 2012 wurde ein internationaler Haftbefehl gegen Göker ausgeschrieben. 70 Mal wurde Sterns Göker-Film allein im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Dabei macht Stern als einer von wenigen echte dokumentarische Langfilme ohne Kommentierung, die große Ausnahme in der nationalen Filmlandschaft.

Jetzt ist Stern auf die Reaktionen im Schwalm-Eder-Kreis und in Nordhessen besonders gespannt, und er hofft, dass besonders viele Zuschauer ins heimische Kino kommen, das es ja glücklicherweise noch immer gebe im Städtchen Treysa. Vielleicht, so spekuliert er, ist ja sogar eine Verlängerung nach den ersten acht Tagen drin.

Die Folgen der Autobahn

Stern, der selbst ausdrücklich nicht aufs Autofahren verzichtet, ist sich absolut sicher: Die Schwalm und die ganze Region würden sich durch die „Magistrale Genua-Rotterdam“ extrem verändern. Nicht nur der Verkehr von der A 7 werde kommen, sondern demnächst auch der aus dem Westen von der A 44, wenn die Bergshäuser Brücke gesperrt wird. Die Autobahngesellschaft gehe von 38 000 Fahrzeugen täglich aus, binnen weniger Jahre werde der Lkw-Verkehr kräftig anwachsen um 30 bis 40 Prozent, so der Filmemacher.

Das würden die Menschen hart zu spüren bekommen, denn Lärmschutz sei nicht vorgesehen, zu teuer. Die Kälbachtalbrücke und das Ortsschild Wiera trennten dabei nur 351 Meter, das hat der Filmemacher selbst ausgemessen. Stern weiß dabei, dass es sehr wohlmeinende Wieraer gibt, die die Autobahn unbedingt für einen Gewinn halten. Sie kommen in seinem Film genauso vor, Andreas Stehl (Schwalmstadt) zum Beispiel, wie jahrzehntelange Kritiker wie Klaus Hottmann (Neuental). Beide waren übrigens zur Premiere nach München mitgereist.

Bau der Kälbachtalbrücke bei Wiera: Unser Archivbild entstand im Sommer 2021.
Bau der Kälbachtalbrücke bei Wiera: Unser Archivbild entstand im Sommer 2021. © Rainer Schmitt / kerstin diehl / andreas stehl

Aktuell verspüre er große Freude, sei „Die Autobahn“ doch unter den zehn für den Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts nominierten Filme – bei rund 1000 eingereichten Werken.

Vor allem ist jetzt das Publikum gefragt, das Ergebnis der Arbeit von Stern und Co-Regisseur und Kameramann Frank Marten Pfeiffer zu beurteilen. Die beiden arbeiteten von September 2020 bis November 2021 an der „Autobahn“. (Anne Quehl)

Zahlreiche Auszeichnungen für den Filmemacher aus Wiera

Klaus Stern, Filmemacher, Produzent und Verleiher, kam 1968 in Ziegenhain zur Welt. Aufgewachsen ist er in Wiera auf dem elterlichen Bauernhof. Er lebt und arbeitet in Kassel. „Der Austausch – Die vergessene Entführung des Peter Lorenz“ entstand 2000 und war sein erster bedeutender Film, nominiert für den Grimme-Preis. Den Deutschen Fernsehpreis erhielt er 2003 für „Andreas Bader – Der Staatsfeind“.

Zahlreiche Auszeichnungen, Förderpreise und Nominierungen schlossen sich für weitere Arbeiten an und wurden bei wichtigen nationalen und internationalen Filmfestivals gezeigt (Weltmarktführer, Henners Traum, Versicherungsvertreter, Bürgermeistermacher). Näheres über seine laufende Produktion „Tal des Goldes“ gibt Stern noch nicht preis.

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