Ingeborg Schleicher suchte mit Hilfe der HNA Heinz-Theo Heil und fand ihn

Der Schwarm erinnert sich

Sind seit 63 Jahren verheiratet: Heinz-Theo Heil lernte seine Frau Martha 1947 in Homberg kennen. Die beiden leben in Fritzlar. Foto:  Pflüger-Scherb

Kassel / Fritzlar. „Wenn er noch lebt, mein Gott, wie mag er aussehen?“, hat sich Ingeborg Schleicher gefragt. „Kann er sich erinnern?“ Gedanken, die der 85-jährigen Frau aus Baunatal durch den Kopf gehen. Es geht um ihren Jugendschwarm Heinz-Theo Heil, den sie zum letzten Mal im Jahr 1942 in Kassel getroffen hat.

Die Antwort: Heinz-Theo Heil lebt. Er ist 86 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau Martha in Fritzlar. Das Paar hat drei Töchter (62, 52, 43), sieben Enkel und zwei Urenkel. Heil geht es gut, er ist ein aktiver und kommunikativer Mann - nur mit dem Laufen hat er Schwierigkeiten. 1980 wurde bei ihm ein Tumor auf der rechten Hirnhälfte entdeckt. Seit der Operation ist Heil halbseitig gelähmt. „Mein Gehirn hat aber keine Schädigungen davongetragen.“

Riesenüberraschung

Heil kann sich sehr gut an die Zeit erinnern, die er als Jugendlicher in Kassel verbrachte. Die Familie lebte am Schlossplatz; dort, wo heute das Regierungspräsidium steht. Nachdem ihm von der HNA mitgeteilt wurde, dass seine Jugendfreundin Ingeborg ihn sucht, da war das „erst einmal eine Riesenüberraschung“. Eine angenehme Überraschung. „Ich liebe solche Geschichten“, sagt er. Heil dachte nach. Und dann kamen auch wieder die Erinnerungen an die 16-Jährige, die er 1942 in einem Stenografie-Kurs kennengelernt hatte. „Ich sehe Inge als eine hochgewachsene, schlanke Frau vor mir, die nett im Umgang war. Und wir haben uns wohl gut verstanden.“

An den besagten Nachmittag im Café Paulus kann er sich allerdings nicht erinnern. Mit dem Café bringt er heute ein „dramatisches Erlebnis“ in Verbindung. Heil erinnert sich daran, wie er im Herbst 1939 vor dem Café stand und das Kasseler Infanterieregiment vom Polenfeldzug zurückkam. Die Soldaten seien vorbeigezogen und wurden „bejubelt“. Niemand habe damals realisiert, dass auch viele Männer des Regiments bereits im Krieg gefallen waren. „Als Zivilist denkt man nicht daran.“

Heinz-Theo Heil, der in Kassel Bürgerschule und Handelsschule besucht hatte, wurde 1942 als 17-Jähriger zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Im März 1943 kam er zur Wehrmacht. Der Reserveoffiziersanwärter war kurzzeitig in Frankreich stationiert und geriet in Aachen in Gefangenschaft. Mit einem Geleitzug wurde der Kriegsgefangene 1945 an die Ostküste der USA gebracht. 1946 kam er zurück nach Europa, blieb ein weiteres Jahr in Liverpool in Gefangenschaft.

„Als ich am Hauptbahnhof ankam, konnte man bis Bettenhausen gucken, weil alles zerstört war.“

Heinz-Theo Heil

1947 kehrte er zu seiner Familie nach Homberg/Efze zurück. Die Wohnung der Heils am Kasseler Schlossplatz war am 22. Oktober 1943 zerstört worden. Zwei Monate später lernte er seine Frau Martha bei einem Kinobesuch in Homberg kennen. „Wie das so ist“, sagt Heil und lächelt seine Frau an. Heil, der sich in der SPD engagierte, wurde Verwaltungsbeamter in der Kreisverwaltung und wechselte später zur Kreissparkasse. Er wurde Vorstandsmitglied in der neu gegründeten Kreissparkasse Schwalm-Eder. Nach seiner schweren Erkrankung wurde er 1982 in den Ruhestand versetzt. Seit nahezu 63 Jahren sind Heinz-Theo und Martha Heil nun verheiratet. Fast 70 Jahre ist es her, dass er sich mit seiner Jugendfreundin Inge im Café Paulus traf.

Fortsetzung folgt

„Sie hat ja viel durchmachen müssen“, sagt Heil, nachdem er den HNA-Artikel mit ihren Erinnerungen gelesen hat. In der Bombennacht 1943 waren Ingeborgs Mutter und Brüder ums Leben gekommen. Heil, der sich zu jener Zeit als Soldat in Südfrankreich aufhielt, bekam nach dem Angriff auf Kassel Heimaturlaub. „Als ich am Hauptbahnhof ankam, konnte man bis Bettenhausen gucken, weil alles zerstört war.“ Er erzählt von Bergen von Toten an der Lutherkirche. „Das sind Eindrücke, die kann man nicht vergessen.“

Über nicht nur schlimme Erlebnisse wird er demnächst vielleicht mit Ingeborg Schleicher sprechen. Er werde die Jugendfreundin anrufen - da sie ihn nach all den Jahrzehnten nun gefunden habe. Über das eventuelle Wiedersehen der beiden berichten wir in einer der nächsten Ausgaben.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

Quelle: HNA

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