Schwere Kost ganz leicht

SPD-Vordenker Nida-Rümelin erinnerte an Schwälmer Parteikonferenz von 1947

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Eintrag ins Goldene Buch: Der frühere Bundeskulturminister Julian Nida-Rümelin (Mitte) verewigte sich darin gestern im Ziegenhainer Rathaus. Hinten von links: Bundestagsabgeordneter Edgar Franke, SPD-Stadtverbandsvorsitzender Helmut Schwedhelm, Landtagsabgeordnete Regine Müller und Erster Stadtrat Detlef Schwierzeck.

Schwalmstadt. Sie ging in die sozialdemokratischen Parteiannalen ein und war in der Schwalm doch den wenigsten bekannt, die „Ziegenhainer Entschließung“ von 1947. Nach dreitägiger Konferenz in der Berufsschule in der Hessenallee wurde der programmatische Text am 23. August verabschiedet.

Unter anderem vom damaligen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher und seinem Nachfolger Erich Ollenhauer. Und dem jungen Helmut Schmidt - der 23-Jährige trug kurze Hosen.

Nach Nazizeit und Krieg rang die junge deutsche Demokratie ums Grundgesetz, die Sozialdemokratie um ihre Ausrichtung und ihr Menschenbild. Würde wurde zum Schlüsselbegriff.

Das alles spiegelte am Dienstagnachmittag bei einer Feierstunde Julian Nida-Rümelin. Der Münchner Philosophie-Professor und Ex-Bundesminister für Kultur schlug dabei das Auditorium im Ziegenhainer Rathaussaal mühelos in seinen Bann, obwohl es um schwere Kost ging. Trotzdem erhielt Nida-Rümelin (58), Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission, nach 55 Minuten Redezeit kräftigen Applaus, nicht nur von der versammelten Schwalmstädter SPD-Familie. Die hatte, gemeinsam mit dem SPD-Unterbezirk, zur Festveranstaltung eingeladen und sie mit dem 150. Geburtstag der Sozialdemokratie verknüpft (die Wanderausstellung zum Thema wurde eigens für ein paar Stunden aufgestellt). Ideengeber war der Ziegenhainer Hans Gerstmann (Ziegenhain), der sich eingehend mit dem Papier von 1947 befasste und dabei von Heinz Wagner (Treysa) unterstützt wurde.

Der Münchner Philosophie-Professor, der ein Mikrofon charmant ablehnte, setzte zu einer wirklichen Vorlesung an, die auch ein wenig Textarbeit an der Ziegenhainer Entschließung leistete. Es überraschte nicht, dass der äußerst geübte Redner aus dem 150. Parteigeburtstag seinen Honig sog. Den stellte er ganz respektlos in Frage, indem er in der Historie zurück ging zur frühen Arbeiterbewegung und zur Märzrevolution (1848/49) über den „ängstlichen und doch so mutigen“ Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) bis zu den römischen und griechischen Stoikern vor Christi Geburt. Überall dort nimmt er Anfänge wahr.

Dabei wurde Nida-Rümelin mehrfach sehr konkret, indem er sich etwa als Befürworter der Enthüllungsplattform Wikileaks zeigte oder scharf geißelte, dass Schulbildung noch immer „am Geldbeutel der Eltern“ hänge. Auch warnte der 58-Jährige eindringlich vor der Rückkehr einer globalen Wirtschaftskrise wie die von 1929 und 2008. Das Anlagekapital der reichsten drei Prozent etwa der US-Amerikaner sei zugleich unermesslich.

Nicht nur gegen die Liberalen und Konservativen grenzte sich der Sozialdemokrat trefflich ab, auch gegen die Linke und die Grünen. Parteiprogrammatik, ihr philosophisches Fundament und - Wahlkampf nur einen Monat vor dem Urnengang: Offenbar eine Fingerübung für Professor Nida-Rümelin.

Von Anne Quehl

Quelle: HNA

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